Um 18.45 Uhr verlässt die ehemalige Grünen-Politikerin Elke Twesten die Wahlparty der niedersächsischen CDU. Die ganze Zeit waren Kameras auf sie gerichtet, Mikrofone, Handys. Auch jetzt, als sie im wehenden Sommermantel über die breite klassizistische Treppe des Leineschlosses stiebt, um sich nicht weiter "um Kopf und Kragen" zu reden, wie sie sagt, blitzen ihr die Fotografen hinterher.

Auf dem Parlamentarierparkplatz braucht Twesten ein paar hektische Züge, um ihren großen Audi durch die schmale Ausfahrt zu manövrieren. Dann geht es weiter auf die Autobahn und weiter über die Dörfer in das schöne Backsteinhaus in Scheeßel, wo ihr Mann ("wir sind nicht verheiratet, aber Lebensgefährte klingt mir zu blöd") auf sie wartet und eine letzte Zigarette, die sie aufgehoben hat für den Moment, in dem alles vorbei ist. Wer weiß, vielleicht können sie noch draußen sitzen. Das Außenthermometer zeigt am Abend noch immer 22 Grad.

Unter anderen Umständen hätte der 15. Oktober als wärmster Oktobertag in die Geschichte eingehen können, jetzt ist es der Tag, an dem die niedersächsische CDU das schlechteste Wahlergebnis seit 1959 eingefahren hat. Und es ist gut möglich, dass dieses schlechte Wahlergebnis noch lange mit einem Namen in Verbindung gebracht wird: Elke Twesten.

Sie habe anstrengende Monate hinter sich, sagt Twesten, als sie an diesem Vormittag auf ihrer Terrasse sitzt. Ihr Landtagsbüro hat sie geräumt, die Arbeitswohnung in Hannover aufgelöst. Nebenher hat sie ein Aufbaustudium an der Fachhochschule in Buxtehude aufgenommen. Außerdem hat sie sich bei ihrem alten Arbeitgeber umgehört, der Hamburger Zollbehörde. Und im Obergeschoss ihres großen Hauses am Waldrand stapelt sich noch all der Kram, der von 20 Jahren in der Politik übrig ist: kistenweise Wahlkampfmaterial, Pressemitteilungen, Akten, Briefe.

Allein die Artikel, die über sie geschrieben wurden, nachdem sie ihre Landtagsfraktion überrumpelt und ihr nach der Sommerpause mitgeteilt hatte, dass sie von nun an in den Reihen der CDU Platz nehmen werde, füllen sicher einen halben Karton. Eigentlich könnte sie die wegwerfen. Sie kennt sie eh auswendig. All die hämischen Berichte, dazu der Hass auf Facebook. Abtrünnige, Verräterin. Luder!

Als dann klar wurde, dass die CDU ihr keinen Posten anbieten würde, gab es bald nur noch eine Lesart: Elke Twesten, die von ihrem grünen Kreisverband für die nächste Landtagswahl nicht mehr nominiert worden war, hatte mit dem Parteiwechsel Rache an ihrer Fraktion genommen und die rot-grüne Landesregierung um ihre Mehrheit gebracht.

Ein Kommentar aus der Frankfurter Rundschau, der sie als blasse Hinterbänklerin beschrieb, die auch mal "ihre fünf Minuten Ruhm" auskosten wollte, hat sie so getroffen, dass ihre Stimme noch immer bebt, wenn sie daraus zitiert. "Darf man so schreiben?"

Die interessantere Frage wäre: Darf man es sich so einfach machen?