Man stelle sich ein Gesetz vor, das Frauen und Homosexuelle offensichtlich diskriminiert. Das Ärzte zwingt, Mütter wie Kinder unnötigen medizinischen Risiken auszusetzen. Das Paare für ihr Lebensglück ins Ausland treibt. Ein solches Regelwerk sollte wohl vor dem Verfassungsgericht landen, Politiker würden eine umgehende Reform anmahnen, Parteien es für den Wahlkampf nutzen. Protestbriefe würden geschrieben werden, Betroffene auf die Straße gehen.

So ein Gesetz gibt es. Es hat 13 Paragrafen, heißt Embryonenschutzgesetz (ESchG), regelt die künstliche Befruchtung und gilt in dem Feld als das rigideste Reglement der Welt. Der Bundestag hat es 1990 erlassen, also ungefähr im Mittelalter der Reproduktionsmedizin. Ärzte bezeichnen das ESchG deshalb als antiquiert, Medizinethiker als ungerecht. Und Juristen beklagen seit Langem, dass es für erhebliche Rechtsunsicherheit sorge.

Das ESchG schützt ein wenige Stunden altes Zellhäufchen mehr als einen Fötus im Mutterleib. Es erlaubt die Samenspende, aber nicht die Eizellspende. Und es führt de facto zu zahlreichen und nicht ungefährlichen Mehrlingsgeburten. Dennoch gilt für deutsche Parlamentarier seit knapp dreißig Jahren das Motto: Nur nicht daran rühren. Denn eine Neufassung des Gesetzes würde heikle Fragen aufwerfen: Was soll der Medizin erlaubt sein, um Frauen und Männern den Kinderwunsch zu erfüllen? Welche Formen der Familiengründung darf der Staat im Namen der Moral verbieten? Wann beginnt das Leben?

Nun steht die Bildung einer neuen Regierung an. Und die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaft, hat in dieser Woche jedem Abgeordneten des neuen Bundestages einen Brief mit einer dringenden Botschaft geschickt: Deutschland braucht endlich ein modernes Fortpflanzungsmedizingesetz.

"Es gibt einen Moment, an dem jedes Aufschieben unerträglich wird", sagt Claudia Wiesemann, Leopoldina-Mitglied und Medizinethikerin. "Dieser Punkt ist jetzt erreicht." Zu Deutsch: Werte Abgeordnete, macht endlich eure Arbeit!

Auf fünf knappen Seiten listet das Gremium aus Juraprofessoren, Ethikern und Fertilitätsmedizinern die eklatantesten Leerstellen, Widersprüche und Anachronismen der aktuellen Rechtslage auf, von der so gut wie niemand meint, dass sie noch zeitgemäß sei – egal ob er in Sachen Bioethik liberal oder konservativ denkt. Weil die zellbiologische Forschung sich weiterentwickelt hat. Weil neue Methoden es ermöglichen, den Kinderwunsch zu erfüllen. Weil nicht nur heterosexuelle Paare mit Eheurkunde sich Nachwuchs wünschen. Weil sich Befürchtungen, die man mit der sogenannten künstlichen Befruchtung verband, als übertrieben erwiesen haben.

Denn das gültige Embryonenschutzgesetz ist ein Abwehrgesetz. Es folgt dem Leitgedanken: Der Staat muss der Fertilitätsmedizin von Anfang an strenge Grenzen setzen, sonst gibt es schon bald kein Halten mehr gegen die Menschenbastelei. Das Gesetz definiert den Lebensbeginn – analog zur Lehre der christlichen Kirchen – deshalb auf den frühestmöglichen Zeitpunkt: Sobald Ei- und Samenzelle verschmolzen sind, entsteht unantastbares menschliches Leben. Der mikroskopisch kleine Embryo in der Petrischale ist damit besser geschützt als der Fötus in der Gebärmutter. Denn dieser darf nach dem geltenden Abtreibungsgesetz schließlich ohne hohe Hürden bis zur zwölften Woche abgetrieben werden, in großen Notlagen sogar bis kurz vor der Geburt.

Diese Regelung bedeutet unter anderem, dass alle im Labor gezeugten Embryonen der Frau auch eingepflanzt werden müssen, egal welche Überlebensfähigkeit sie haben. Das hat gravierende Folgen: Zum einen reduziert das Verbot einer Qualitätskontrolle die Aussicht auf Erfolg der Kinderwunschbehandlung. Zum anderen erhöht es das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft. Denn um die Chancen auf ein Kind zu verbessern, setzen die Ärzte bis zu drei Embryonen ein. Schon Zwillinge aber gelten als Risikogeburt. Erwartet eine Frau gar drei Kinder, droht ein Notfall. Die Kinder werden meist zu früh geboren, nicht selten mit Behinderungen. Im Extremfall müssen die Mediziner sogar einen Fötus töten, um das Leben seiner Geschwister zu schützen.

International sieht der Standard anders aus. Er nennt sich "elective single-embryo transfer" . In einer Menge von befruchteten Eizellen fahnden die Mediziner nach dem Embryo mit den besten Entwicklungschancen und pflanzen nur diesen einen der Frau ein. Die restlichen Embryonen werden eingefroren oder verworfen. Das erhöht die Erfolgsraten und reduziert die Gefahr, Zwillinge oder Drillinge zu bekommen. In Deutschland liegt die Mehrlingsrate nach künstlicher Befruchtung bei 22 Prozent, in Schweden bei etwas mehr als fünf Prozent. "Es ist fatal", sagt die Medizinethikerin Wiesemann. "Im Namen des Lebensschutzes werden Gesundheit und Leben gefährdet."