"Schwarz ist geil", lautete das Motto von Sebastian Kurz, und sein Kalkül ging auf: Wer in Österreich eine Nationalratswahl gewinnen will, der muss es anders machen als Emmanuel Macron. Er darf die rechte Agenda nicht bekämpfen, er muss sie imitieren. Der Wähler will nicht das angebräunte Original, er will die adrette Kopie, mit allem Zubehör, einschließlich Gunstbeweis für den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. "Ich kann Ihnen gerne einen Termin mit ihm vermitteln", prahlte Kurz gegenüber dem FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache. Und Strache, der mögliche Koalitionspartner, sagte, wie es ist: "Sebastian Kurz hat mich nachgemacht."

"Dies Österreich ist eine kleine Welt / In der die große ihre Probe hält", hat Friedrich Hebbel einmal bemerkt. Aber was probt die große Welt in der kleinen? Sie probt den inneren Rückzug von der Europäischen Union, sie treibt nach rechts und will die Bande nach Brüssel nicht enger knüpfen, sondern lockern. Österreich zuerst.

Für diese Klarheit muss man den Österreichern dankbar sein. Nun zeigt sich, dass in Europa zwei Lager existieren, zwei Haltungen, zwei Leidenschaften. Beide werden von intellektuellen Zuarbeitern eskortiert, bei denen links und rechts oft mächtig durcheinandergehen. Das eine Lager organisiert innerhalb der EU die Distanz zur EU, den inneren Exit. Sie werben mit Heimat, Identität, Kultur, Sicherheit, nationaler Souveränität und fühlen sich wie die armen Einheimischen in Peter Handkes Stück Zurüstungen für die Unsterblichkeit: Sie sehen sich bedroht von bösen multikulturellen "Raumverdrängern" und "Traumräubern", die ihre geliebte Enklave in eine Kampfzone der Globalisierung verwandeln. Deshalb also: langsame Heimkehr. Zurück aus einer europäischen Zukunft, in der man nie zu Hause sein wird, in eine kulturelle Vergangenheit, die man tief in seinem Herzen nie verlassen hat. Walking alone.

Und das andere Lager? Es schart sich um Emmanuel Macron und feiert den französischen Staatspräsidenten als Helden des Aufbruchs, als kühnen Visionär, der Europa neu gründen und seine Bürger aus dem Spinnennetz der Brüsseler Technokratie befreien wird. Macrons Botschaft lautet: In den "Stürmen der Globalisierung" schütze Europa den Bürger "besser als eine absurde nationale Politik". Entweder der Kontinent raufe sich zusammen – oder er werde den "traurigen Leidenschaften" des Nationalismus erliegen und untergehen. Leider gelinge es den Nationalisten, "die Unglücke vergessen zu machen, die ihnen in der Vergangenheit immer gefolgt sind. Sie können schon morgen den Sieg erringen."

Nationale Identität ("Heimat") oder ein multikulturelles Europa – das ist die aktuelle Diskursschlacht, sie tobt überall und vergiftet das Klima. Doch hysterische Identitätsdebatten, das weiß man nun, führen nicht weiter, sie befeuern nur den "europäischen Bürgerkrieg" (so Macron im Spiegel-Interview). In diesen culture wars schlägt man sich mit masochistischer Selbstzerfleischung auf Buchmessen die Köpfe ein und vergisst die alles entscheidende Frage: Woher kommt das nationale Fieber? Welche Enttäuschungen entladen sich im europäischen Identitätstheater? Und hätte Macron eine Antwort darauf?

Es klingt kurios, aber das Beispiel Katalonien ist ausgesprochen lehrreich, denn auch hier probt die große Welt im Kleinen. Natürlich handelt es sich erst einmal um einen innerspanischen, kulturhistorisch eingewurzelten Konflikt – aber eben nicht nur. So zitiert die taz eine bekannte Aktivistin aus Barcelona mit dem Satz: "Wenn du mehr Rechte für Arbeiterinnen, mehr Kontrolle über die Wirtschaft und mehr Souveränität für das Volk erreichen willst, ist das im Rahmen des spanischen Staats unmöglich."

Die Wortwahl ist typisch. Überall, und nicht nur in Spanien, beschwören linke wie rechte Globalisierungskritiker das "Volk" und seine "Souveränität". Doch der Witz ist: Die konservative Regierung in Madrid könnte genauso argumentieren, auch sie könnte sagen: "Wir sind nicht souverän." Mit schmerzverzerrtem Gesicht würde Mariano Rajoy das stumme Leiden unter Merkels Austeritätsdiktat schildern und nachweisen, dass das katalanische Unabhängigkeitsfieber erst nach dem Beinahe-Kollaps des Finanzkapitalismus in die Höhe schoss. Rajoy, der so viel Öl ins Feuer gießt, würde sich rausreden und doch mit einigem Recht behaupten, erst die überhastete Einführung des Euro und das Dogma der Markteffizienz hätten die Spannungen zwischen den europäischen Regionen wachsen lassen. Schließlich würde er sagen: "Wenn ihr mehr Rechte für Arbeiter und mehr Kontrolle über die Wirtschaft erreichen wollt, so ist das im Rahmen der Europäischen Union derzeit unmöglich."

Was das bedeutet? Es bedeutet, dass der Wunsch nach regionaler Selbsthilfe oder nationaler Unabhängigkeit ein Symptom ist – allerdings nicht für unterdrückte kulturelle Identität (die immer eine Rolle spielt), sondern für eine Blockade der Europäischen Union. Es bedeutet, dass die EU politische Energien demokratisch nicht hinreichend kanalisieren und verarbeiten kann, weshalb sich diese Energien aufstauen und im separatistischen Furor oder im völkischen Nationalismus entladen.

Genau das hat Macron stets behauptet: Weil sich die Europäische Union gegenüber den Bürgern abschirme, weil sie perspektivlos auf der Stelle trete und Großprobleme nicht befriedigend löse, kröchen die Gespenster des Nationalismus aus ihren Löchern. Statt auf politische Veränderungen "konzentrieren sich alle Energien auf unsere inneren Spaltungen". Sebastian Kurz triumphiert also nicht deshalb, weil Österreicher von Geburt an rechts sind; er triumphiert, weil die EU das Land mit den Geflüchteten alleinließ.

Auch wenn es für Sozialdemokraten schmerzhaft ist – im Gegensatz zu Martin Schulz hat Emmanuel Macron den Rat seiner PR-Berater in den Wind geschlagen und die französischen Wähler mit einem Thema überzeugt, mit dem Politiker angeblich nur verlieren können, mit "Europa". Macron versprach: Sobald Frankreichs "Glaubwürdigkeit in Wirtschafts- und Haushaltsfragen wiederhergestellt", also der Arbeitsmarkt nach dem neoliberalen Kochbuch reformiert sei, werde er Angela Merkel ein Angebot machen, das sie nicht ausschlagen könne. Frankreich und Deutschland sollten vorangehen und dem gelähmten Europa eine neue Perspektive eröffnen. L’Europe en marche.