Großmäulige Anträge, marktförmige Hochschulen – das Exzellenztheater ist absurd, findet Jens Jessen.

Zu den verbreiteten Missverständnissen gehört die Meinung, die sogenannten Exzellenzuniversitäten seien besonders gute Hochschulen, die nach sorgfältiger Prüfung den Titel zuerkannt bekommen hätten. Geprüft – neudeutsch: evaluiert – wurden aber nie tatsächliche Forschung und Lehre, sondern nur Zukunftspläne und Anträge, die sich natürlich plausibel lesen müssen. Mit wenig Übertreibung könnte man auch sagen: Großmäuligkeit und Marktschreierei wurden belohnt.

Durch stillen Forschungsfleiß im weltabgeschiedenen Labor soll hierzulande niemand, das ist die geheime Botschaft des Förderprogramms, in den Ruf der Exzellenz geraten. Zu der Verachtung unauffälliger Seriosität passt gut, dass nicht nur luftige Pläne für Exzellenzcluster bewertet wurden, sondern auch die öffentlichkeitswirksamen Schlagworte, die sich die Universitäten einfallen lassen sollten – die "Zukunftskonzepte".

Diese Schlagworte, mit einem Fachbegriff aus der Werbesprache "Claims" genannt, sind an Dämlichkeit schwer zu überbieten. Ein paar Beispiele: Die FU Berlin preist sich als "International Network University", Göttingen beruft sich auf "Tradition – Innovation – Autonomie", die Uni Konstanz begreift sich als "Modell Konstanz – towards a culture of creativity", die RWTH Aachen sieht sich für 2020 (offenbar keinesfalls früher) bereit zum "Meeting Global Challenges", die Uni Köln will die "Herausforderung von Wandel und Komplexität annehmen". Tapferes Köln!

Oder schwirrt irgendjemandem schon der Kopf von all den Gemeinplätzen? Denn das Alberne an diesen "Claims", die in der Werbelogik vor allem eine Besonderheit herausstellen sollen, ist ihre schiere Selbstverständlichkeit. Selbstverständlich ist jede Forschung international vernetzt, beruht auf einer Kultur der Kreativität, ist hoffentlich innovativ und autonom von außeruniversitären Interessen, vor allem aber in der Lage, globale Herausforderungen anzunehmen und, wenn die Uni über ein entsprechendes Alter verfügt, Traditionen zu pflegen.

Diese Claims sind allesamt Minimalansagen, man könnte sie mit dem drohenden Kommentar versehen: Hoffentlich ist das so! Wenn nicht, müsste man den Hochschulen mehr als nur den Exzellenztitel verweigern – ihnen eigentlich jede Zuwendung entziehen.

Wie konnte es zu der Demütigung der Universitäten kommen, Selbstverständlichkeiten in der Sprache des modernen (noch dazu eines schlechten) Marketings anpreisen zu müssen?

Der Fehler, ein echter Denkfehler, steckt in der Absicht, einen Wettbewerb zwischen den Hochschulen mit staatlichen Mitteln und unter staatlicher Aufsicht entfachen zu wollen. Richtigen Wettbewerb kann es aber nur geben, wo Nachfrage und Kunden entscheiden – nicht der staatliche Marktaufseher. Gremien sind nicht die Kunden von Hochschulen. Höchstens könnte man Studenten und Professoren als solche sehen, die mit ihren Wanderungsbewegungen so etwas wie einen Markt abbilden. Aber selbst dies ist eine fragwürdige Analogie, die besser zu den amerikanischen Privatuniversitäten passt.

Das absurde deutsche Exzellenztheater verdankt sich der zwanghaften Übertragung ökonomischen Denkens auf Bildungs- und Forschungseinrichtungen, die in Wahrheit anderen Gesetzen gehorchen und auch gehorchen sollten. Vielleicht ist es nicht überflüssig, daran zu erinnern, dass jene bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, auf die unsere moderne Hochschullandschaft zurückgeht, zwar ihren Wohlstand der Ökonomie verdankte, aber die Wissenschaft mit gutem Grund der ökonomischen Logik entzogen sehen wollte. Die Wissenschaft sollte frei sein – frei auch von korrumpierenden Wirtschaftsinteressen und Reklamezwängen.

Eine Hochschule wie die Humboldt-Uni, die mit "Bildung durch Wissenschaft" wirbt, nicht anders als Audi mit "Vorsprung durch Technik", sollte lieber gleich Autos verkaufen.