Im Wettbewerb der besten deutschen Universitäten geht es um die Förderung millionenschwerer Forschungsgruppen. Wer gewinnt, wer verliert?

Es war nur ein Zwischenschritt, als die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) jüngst verkündete, welche Exzellenzcluster weiterhin im Rennen um die Fördermillionen bleiben und welche Hochschulen weiter darauf hoffen dürfen, den Titel "Exzellenzuniversität" ab 2019 im Briefkopf zu führen. Die endgültigen Entscheidungen darüber fallen im September 2018 (Cluster) und im Juli 2019 (Exzellenztitel). Und doch sorgte diese Zwischenrunde, in der von 195 Anträgen nur 88 überlebten, an den Universitäten für Dramen: Selbstbewusste Institutionen (Frankfurt am Main, Bremen) schmierten ab, während mancher Underdog der Hochschullandschaft plötzlich im Scheinwerferlicht stand (Hamburg, Bonn).

Die Universitäten stehen jetzt unter Strom. Strategien werden verworfen, neue Pläne geschmiedet; die DFG stellt den Bewerberinnen Gutachten zu, die eine Analyse der eigenen Bewerbungen ermöglichen sollen. Bevor sich die Wissenschaft erneut ins Schreiben der nächsten Anträge versenkt, lohnt ein Blick aufs große Ganze: Was verrät der Exzellenzwettbewerb über den Stand der Forschung in Deutschland, das Selbstverständnis der einzelnen Institutionen und ihre Kommunikation mit der Öffentlichkeit?

1. Arbeit an der Zukunft?

Auch Wissenschaft folgt Trends, fühlt der Gegenwart den Puls. So hätte man meinen können, dass weltpolitische Megathemen wie – zum Beispiel – Migration oder das kausal gesehen nicht ganz unverdächtige Wohlstandsgefälle zwischen Arm und Reich auftauchen auf der Liste der 88. Gleichwohl: nichts. Die deutschen Wirtschaftswissenschaften scheint ihr Kollektivversagen in puncto Finanzkrise noch immer zu lähmen. Ein einziger Antrag ("Märkte & Public Policy", gemeinsame Bewerbung von Köln und Bonn) schaffte überhaupt nur den Cut und bleibt im Rennen. Exzellenz und Ökonomie, das scheint hierzulande nicht zusammenzupassen.

Die Sozialwissenschaften bleiben ebenfalls blass. Talkshow-Floskeln ("Fluchtursachen bekämpfen", "Integration steuern", "Sorgen der Leute ernst nehmen") entfalten zwar im Alltag viel Diskursmacht. Aber sind sie auch empirisch gesättigt? Durchaus wird hierzu geforscht. Die große Bühne bekommen diese Themen aber offenbar nicht. Ausgerechnet das bereits etablierte Frankfurter Cluster "Normative Ordnungen" über den gesellschaftlichen Wertewandel ist mit seinem Neuantrag gescheitert.

Anderen Disziplinen gelingt die Profilierung vor dem Hintergrund brisanter politischer Themen besser. Beispiel Umwelt, Klima, Energie. Im Norden ("Integrierte Meeresforschung", Kiel), im Osten ("Gleichgewicht im Mikrokosmos", Jena), im Süden ("Energiespeicherung jenseits von Lithium", Ulm/Karlsruhe), im Westen ("Smarte Pflanzen für die Anforderungen von morgen", Düsseldorf/Köln): In der ganzen Republik suchen Wissenschaftler nach Erkenntnissen, um die Lebenserwartung der geknechteten Erde zu verlängern.

Überhaupt: Die Naturwissenschaften sind stark vertreten, machen 31 Prozent aller Anträge aus; zusammen mit den ingenieurwissenschaftlichen Bewerbungen kommt "Mint" auf 57 Prozent aller Clusterkandidaten. (Zum Vergleich: Die Geistes- und Sozialwissenschaften kommen auf 19, die Lebenswissenschaften auf 24 Prozent.) Die deutsche Maschinenbauer-Seele, derzeit geschunden von dem Dieselskandal, darf optimistisch in die Zeit nach dem Verbrennungsmotor blicken (etwa dank "Nachhaltiger Luftfahrtsysteme", Braunschweig, und allerlei Materialforschung).

Die Geisteswissenschaften blicken derweil nicht nach vorn, sondern zurück – und zwar so richtig. Sie widmen sich der Vormoderne (Bonn), Manuskriptkulturen (Hamburg), der Antike (München, Berlin) und "vergangenen Welten" (Kiel). Brandaktuell erscheinen dagegen die Ambitionen der Religionswissenschaftler, die zwar auch in der Vergangenheit graben ("Konstruktion des Religiösen", Göttingen), aber auf Antworten für gegenwärtige Konflikte hoffen. In Münster ist dies bereits im Cluster-Namen angelegt: "Religion und Politik". Halleluja.

Was sonst noch auffällt: weniger künstliche Intelligenz als erwartet. Nichts zu Nachrichten, Populismus, Internet. Keine Rechtswissenschaften.

2. Zusammen ist man weniger allein

Wieder und wieder betonte DFG-Präsident Peter Strohschneider in den vergangenen Monaten, dass die Entscheidungen über die Cluster sich ausschließlich an der fachlichen Qualität der Anträge bemessen würden. Stichwort "wissenschaftsgeleitetes Verfahren". Hinter diesem Mantra stand die scharfe Ansage an die Politik, bitte draußen vor der Tür Platz zu nehmen. Die internationale Expertenkommission, die über die Anträge entschied, sollte ohne Rücksicht auf Regionalproporz arbeiten. Das hat funktioniert. Manche Standorte gewinnen haushoch, andere Regionen verlieren deutlich. Längst nicht jedem Wissenschaftsminister wurde es recht gemacht, andere dürfen sich dagegen im Glanze ihrer Universitäten sonnen.