Beide Buben hatten Angst. Oder sagen wir lieber: Sie waren nervös. Der eine Bub, ich, an der Hand des Vaters, weil er zum ersten Mal in einem riesigen Fußballstadion war, mitten in einem Haufen trampelnder und brüllender Männer. Der andere Bub, der ältere, weil auch er zum ersten Mal in einem riesigen Fußballstadion war. Er aber musste spielen, unten auf dem grünen Platz. Blass hat er ausgesehen, sehr blass. Zweimal während des Spiels ist er hinters Tor gegangen und hat sich übergeben. Mein Vater sagte: "Der ist ja noch ein Kind. Der tut mir leid. Aber gut ist er." Und er schaute auf einem Blatt Papier nach, wie sie hieß, die blasse Nummer 4. "Beckenbauer", las er vor. "Franz Beckenbauer." Mein Vater hatte dieses Blatt Papier am Eingang des Stadions in die Hand gedrückt bekommen.

Das "Stadion an der Grünwalder Straße" war das einzige Fußballstadion in München. Aber alle sagten nur "Sechziger-Stadion", weil dort der große Münchner Verein spielte, der TSV 1860 München, der das Stadion auch ursprünglich errichtet hatte. Es fasste damals 44.000 Zuschauer. Die Sechziger spielten in der Bundesliga, sie hatten Stars und herrliche leuchtend blaue Trikots mit einem Löwen als Vereinsabzeichen. "Die Löwen" wurde die Mannschaft genannt – und ich war glühender Fan dieser Löwen. Nicht aber mein Vater, der aus dem Arbeiterviertel Giesing stammte und diesen "Bonzenverein", wie er sagte, verachtete.

Mein erster Stadionbesuch galt deshalb einem Spiel der "Rothosen". Es war ein Spiel um den Aufstieg in die Bundesliga. Das Stadion war nicht voll, nur in der Stehplatzkurve standen wir dicht gedrängt. Der Gegner war der FC St. Pauli. Der FC Bayern gewann 4 : 0, der 18-jährige Beckenbauer schoss in seinem ersten Spiel sogar ein Tor. Der Aufstieg wurde trotzdem verpasst. Mein Vater aber blieb bei seinem Plan und nahm mich nur zu Spielen des FC Bayern mit, Regionalligaspielen wohlgemerkt. Bald kannte ich alle Namen: Linksaußen Mucki Brenninger, Sturmspitze Rainer Ohlhauser, Mittelfeldmotor Jackl Drescher ... Und mein Vater hörte nicht auf, mich mitzunehmen.

Früher beantwortete ich also die Frage, wie ich jemals Fan dieses Vereins werden konnte, mit dem Satz: Ich wurde gezwungen. Heute stelle ich die Gegenfrage: Wie konnte ich – wie konnte überhaupt irgendjemand – einer Mannschaft widerstehen, deren Abwehrchef Kunstwadl hieß, Adi Kunstwadl?

Ich war bei legendären Spielen des FC Bayern. Zum Beispiel 1965 im Frankfurter Waldstadion (mit Vater, Mutter und Bruder), als er den DFB-Pokal gewann, 4 : 2 gegen den Meidericher SV bei sagenhafter Hitze. Die Spieler bekamen damals von der Bank nur nasse Schwämme zugeworfen zur Abkühlung, man war der Meinung, Trinken beim Sport sei schädlich. "Hoaß wars, gschwitzt hamma und gwunna hamma a, grad schee wars", sagte Torwart Sepp Maier. Oder 2001 im Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand (ohne meinen Vater), als der FC Bayern Champions-League-Sieger wurde. Mein Platz war glücklicherweise direkt hinter dem Tor, in dem Oliver Kahn drei Elfmeter hielt. Legendäre Spiele abzuliefern, seien es nun Siege oder Niederlagen, das gehört zu den Talenten des FC Bayern.

Selbst ein torloses Unentschieden schaffte es mal auf die Seite eins: "It’s Super Sepp" titelte eine englische Zeitung, als der Torwart praktisch allein in Liverpool 90 Minuten lang ein 0 : 0 verteidigte.

Aber sind solche Spiele der Grund, warum ich ein halbes Jahrhundert später noch Bayern-Fan bin? Warum kein anderer Sportverein auf der Welt so viele Mitglieder hat? Oder ist es das viel beschriebene Bayern-Theater? Die Buddha-Figuren, die Klinsmann am Trainingsgelände aufstellen ließ (Hoeneß: "Tore schießen die nicht"), die entschlossene Wutrede des Gentlemans Trapattoni in einer Sprache, die er nicht kann, der Niederländer van Gaal in der Lederhose, die Skandale, Pressekonferenzen, Trainerfragen, Spielertransfers, autorisierte und nicht autorisierte Interviews ... Es stimmt ja, dass der Verein längst mehr als ein Fußballclub ist, er ist ein Panoptikum, ein Museum, eine Aphorismenbibliothek, ein roter Teppich – und vor allem ein Schauspielhaus mit gewaltigem Ensemble.