Romain Peyronie sieht sich selbst als eine Art Orakel. Der 42-jährige Unternehmer sitzt an einem sonnigen Oktobertag beim Mittagsmenü am Eiffelturm und erklärt seine Kristallkugel: "Wenn unsere Auftragslage gut ist, wird es bald dem ganzen Land gut gehen." Peyronies Firma PRD sammelt Kapital bei Anlegern ein, die riskantere Investitionen nicht scheuen. Damit baut sie dann in Frankreich riesige Logistikzentren mit 20.000 Quadratmeter Fläche für Firmen wie BMW, Ikea oder Carrefour. In der Vergangenheit stellten sich Peyronies Auftragsbücher tatsächlich oftmals als guter Indikator für Investitionen und Wachstum im Rest der Wirtschaft heraus. Zuletzt sah es finster aus: Drei Jahre lang, von 2009 bis 2012, erhielt PRD keinen einzigen Auftrag. Das Unternehmen konnte sich nur retten, weil es noch vor der Finanzkrise Verträge über den Bau von vier Logistikzentren mit einer Fläche von 400.000 Quadratmetern gezeichnet hatte. "Niemand wollte mehr Geld nach Frankreich geben", erinnert sich Peyronie.

Doch seit einigen Monaten ist er wieder bester Stimmung. Er könne so leicht ausländische Kapitelgeber mit frischem Geld gewinnen wie seit über zehn Jahren nicht mehr, sagt er. "Die Investoren aus London und New York gehen die Wette ein, dass Frankreich sich rentiert."

Sie könnten damit richtigliegen. Überall in Frankreich kommt die Wirtschaft nach Jahren der Krise wieder in Gang, endlich beginnt auch die Arbeitslosenrate zu sinken, auf inzwischen 9,5 Prozent, den niedrigsten Stand seit fünf Jahren. Ist das kurzfristige Euphorie, ausgelöst vom rhetorisch begabten Staatspräsidenten Emmanuel Macron – oder geht es in Frankreich wirklich aufwärts?

Tatsache ist, dass nun selbst ein Mann wie Jean-Michel Six an eine gute Entwicklung glaubt. Der Chefökonom der Ratingagentur Standard & Poor’s in Paris versorgte die Weltwirtschaft immerhin fast ein Jahrzehnt lang zuverlässig mit schlechten Nachrichten über Frankreich. Er sprach und schrieb über Frankreichs hohe Unternehmens- und Vermögensbesteuerung ("Kuba ohne Sonne!"), die aus seiner Sicht verheerend geringen Gewinne der Unternehmen und die Überschuldung des Staates. Diese Worte zählten für die Finanzmärkte mehr als jede Präsidentenrede, Six gilt im Land als Guru. Jetzt aber sagt der nüchterne Mann im Gespräch bei einem Glas Wasser, man könne, was Frankreich betrifft, "vernünftigerweise optimistisch" sein. So klingt bei Six ein Paukenschlag.

Vorbei die Zeiten, in denen er mit seiner Agentur Regierung und Investoren in Paris das Fürchten lehrte, weil Standard & Poor’s die Kreditwürdigkeit Frankreichs infrage stellte. Stattdessen prognostiziert Six nun "nahe zwei Prozent Wachstum für die nächsten zwei Jahre". So gut waren die Erwartungen für Frankreich zuletzt zu Beginn des Jahrtausends. Ob bei Groß- oder Kleinunternehmen, Haushalten oder dem einzelnen Konsumenten, bei allen seien Vertrauen und Investitionsbereitschaft "sehr verbessert", sagt Six. Die Touristikbranche boome wieder. Sogar die für die Beschäftigung so wichtige Bauwirtschaft sei wieder in Schwung, berichtet Six. Wo aber kommt der nach Jahren der Trägheit plötzlich her? "Frankreichs neue Stärke ist eine flexible, intelligente Globalisierungsstrategie, deren Schüler auch Emmanuel Macron ist."

Besuch bei einem Globalisierer im Pariser Börsenviertel. Dort arbeitet im siebten Stock eines neu ausgebauten Bürogebäudes der Start-up-Gründer Quentin Sannié, 54. Er sagt: "Es weht ein neuer Geist." Von seinem Bürofenster sieht man das alte, einst von Napoleon in Auftrag gegebene Börsengebäude mit seinen dicken Marmorsäulen. "Wir hätten diese Börse längst abreißen und an ihrer Stelle etwas Anderes bauen sollen. Wir haben in Paris nicht genug zerstört." Geht es nach Sannié, soll sich das jetzt ändern, zumindest was die französische Wirtschaft angeht: "Wir haben endlich unsere Arroganz, unseren Stolz auf das Vergangene verloren", sagte er.

Seit 30 Jahren ist Sannié Unternehmer. Heute verkauft er mit seiner Firma Devialet hochklassige Lautsprechersysteme, die mit einer neuen Kombination aus digitaler und analoger Technik den Kinoklang ins Wohnzimmer bringen sollen. Er führt das in seinem Büro vor – die Wände erzittern unter Mahlers Fünfter Symphonie.

Frankreich - Gero von Randow: Die französische Luxusindustrie