Vor fünf Jahren galt der Unternehmer als Parasit, "heute bin ich gern gesehen"

Ein Deal mit dem Sender Sky, der die Boxen für rund 300 Euro an Abonnenten verkaufen will, verspricht Sannié eine Millionenkundschaft in Großbritannien und bald in Deutschland. Eigentlich, sagt Sannié, habe er sich seit 30 Jahren nicht verändert: "Ich bin immer noch Unternehmer. Was sich in Frankreich geändert hat, ist die Wertschätzung, die man mir entgegenbringt. Bis vor fünf Jahren war ich für die meisten Franzosen ein kapitalistischer Ausbeuter, ein unnützer Parasit. Heute bin ich gern gesehen." Die Franzosen versöhnen sich mit der Globalisierung, so erklärt Sannié sein neues Image. "Die Welt hat sich in Frankreich getäuscht, wir können mithalten. Unsere Ingenieure sind sehr gut und halb so teuer wie im Silicon Valley." Sannié selbst beschäftigt hundert von ihnen.

Damit sticht offenbar ein französischer Trumpf: Das Land verfügt über hervorragende Eliteschulen und ein berüchtigt hartes Prüfungssystem. Nur gingen die besten Absolventen bislang überwiegend in den Staatsdienst. Zum Beispiel fanden sich die besten Ingenieure lange Zeit in der staatlichen Atomwirtschaft. Das ist seit ein paar Jahren anders. Bis zu 40 Prozent der Absolventen von Ingenieursstudiengängen an der staatlichen Eliteuniversität École polytechnique gründen heute ihr eigenes Unternehmen oder beteiligen sich an einem Start-up. "25 Jahre lang fühlte ich mich als Einzelgänger", sagt Sannié. "Jetzt nicht mehr. Unsere jungen Talente machen endlich ihr eigenes Ding."

Das zeigt sich auch anderswo. Frankreichs Gründer sammeln mehr Risikokapital ein als ihre Konkurrenten in Deutschland. Im zweiten Quartal 2017 wurden nach Angaben der öffentlichen Investitionsbank BPI (Banque Publique d’Investissement) 1,5 Milliarden Dollar in neue Technologie-Unternehmen investiert, in Deutschland waren es nur 1,3 Milliarden Dollar. Das investierte französische Risikokapital hat sich innerhalb der vergangenen drei Jahre verdreifacht – nur wenige haben das vorhergesehen. Zu sehr schien die Start-up-Kultur dem französischen Wirtschaftsverständnis entgegenzulaufen. Schließlich berufen sich in Frankreich noch immer manche auf Jean-Baptiste Colbert – jenen Beamten, der unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV. einen wirtschaftlich allmächtigen Zentralstaat erfand.

Tatsächlich hat der Staat allerdings auch bei der Start-up-Entwicklung seine Finger im Spiel. Nur anders als bislang.

"Wir sind alle Anti-Colbertisten!", ruft Paul-François Fournier, Innovationschef der Investitionsbank BPI, so laut, dass es die versammelten Angestellten im Großraumbüro hören können. Es klingt wie ein neues Mantra. Der heutige Banker Fournier erfand einst den ersten französischen Internetrouter für den Endverbraucher. Jahrzehntelang leitete er die Innovationsabteilung des Telekomriesen Orange. Nun will er noch etwas erfinden: einen Anti-Colbert-Staat, der nicht lenkt, sondern Eigeninitiative fördert.

Zwar gehören noch 50 Prozent des Aktienkapitals von Fourniers Arbeitgeber der öffentlichen Hand. Doch die Mission der BPI lautet: junge Unternehmer die Gesetze des Weltmarkts zu lehren. Zehn Milliarden Euro an Risikokapital investiert die Bank seit 2012. Wie erfolgreich die Projekte sind, zeigt sich an den 800 Millionen Euro Gewinn der BPI im vergangenen Jahr. Vor drei Jahren wurden noch 1500 Start-up-Unternehmen gefördert, heute sind es bereits 4000. Voraussetzung für die halbstaatliche Investition: Die geförderten Unternehmen müssen global planen und dürfen nicht nur Frankreich im Blick haben.

Damit will die BPI eines der Grundübel der französischen Wirtschaft bekämpfen: die Exportschwäche. Das betrifft zum einen die Kleinen. Über 90 Prozent der Firmen haben weniger als 300 Angestellte, doch nur 20 Prozent verkaufen ins Ausland, ganz anders als der exportstarke deutsche Mittelstand. Und auch die großen französischen Unternehmen liefen international hinterher. Viele Unternehmer und Manager haben heute deshalb dasselbe Vorbild: Carlos Ghosn.

Aus den Überresten von drei Totgesagten der weltweiten Autobranche – Renault, Nissan und Mitsubishi – formte der an Frankreichs Eliteschulen ausgebildete Ghosn den heute nach der produzierten Stückzahl größten globalen Autokonzern. Ghosn hatte vor zehn Jahren die Idee, das Elektroauto zum Massenprodukt zu machen. Vor allem aber setzte er als Manager auf einen sehr französischen Stil: die Kunst der Diplomatie. Er knüpfte Allianzen mit den Japanern, machte sich Russland und Indien zum Freund und plant mit dem Elektroauto den großen Sprung nach China. Ghosns Botschaft stachelt gerade jeden französischen Unternehmer an. Sie lautet: "Wir sind die Nummer eins!" Es ist möglich. Wer schafft es noch?