Tragödie oder Farce

Der Kommunismus zwingt uns, unsere Gegenwart zu historisieren

von Milo Rau

Vom Kommunismus lernen, das klingt wie die Aufforderung, in einem seit Jahren nicht mehr gewarteten Pool zu baden, in dem eventuell ein Hai lauert. Denn das K-Wort steht im besten Fall für linkspopulistische Theorie-Ergüsse à la Slavoj Žižek und realsozialistische DDR-Tristesse, im schlimmsten Fall aber für Stalinschen Terror, desaströse Industrialisierungsprojekte und Millionen Hungertote.

Es lässt sich aber auch vieles aufzählen, was einmal kommunistisch oder sozialistisch hieß und vom Stalinismus verschüttet wurde. Inspirierend ist die heute fast vergessene Frühphase des Kommunismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die nicht von staatsterroristischen Allmachtsfantasien zeugt, sondern in der die eine große und die vielen kleinen Gerechtigkeiten, also ökonomische Umverteilung und Identitätspolitik, zusammengedacht wurden.

August Bebel, einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie, setzte sich nicht nur für die Arbeiterklasse, sondern auch für Homosexuelle ein. Und schon zu Marx’ Zeiten wurde über Frauenrechte gestritten. Die seit Trumps Wahl verbreitete Mär, neoliberale Pseudosozialisten wie Clinton oder Hollande hätten über ihre identitätspolitischen Elite-Problemchen den einfachen Mann aus den Augen verloren und ihn in die Arme der Rechten getrieben, ist daher mindestens geschichtsvergessen. Was einen Marxisten von einem Populisten unterscheidet, ist, dass er mit "Arbeiter" nicht nur die amerikanischen oder deutschen Stahlarbeiter meint, sondern die Arbeiterinnen und Arbeiter der ganzen Welt. Gerade wegen seines Universalismus muss der wahre Kommunist auch Feminist und Antirassist sein.

Die andere, weniger populäre, da zwiespältige Lehre aus dem Kommunismus ist die leninistische. Es ist die Lehre des radikalen Neins, des Neins zum Common Sense und zum Immer-weiter.

Die Geburtsstunde der kommunistischen Parteien war der Erste Weltkrieg. Denn der Krieg verletzte die zentrale kommunistische Idee: die einer gemeinsamen, unteilbaren Humanität (was Lenin nicht davon abhielt, Russland nach seinem Nein zum Ersten Weltkrieg in einen grauenhaften Bürgerkrieg zu stürzen).

Man unterschätzt, wie schwierig es war, in der allgemeinen Kriegsbegeisterung Nein zu sagen. Die SPD sagte 1914 Ja zu den Kriegskrediten – doch in Teilen der Partei rumorte es, 1917 entstand die USPD als Abspaltung und daraus schließlich die KPD. Frieden um jeden Preis, das erschien vielen Zeitgenossen als eine schlichtweg verrückte Idee. Der millionenfache Tod war zur Normalität geworden, jede Seite dachte, der Sieg werde sich spätestens nach der nächsten Offensive einstellen.

Heute ist das Neinsagen nicht sehr viel leichter geworden. Angesichts der Zahlen, die uns Klimapolitiker vorrechnen, angesichts des wieder erwachenden Faschismus in Europa und des von Trump geschürten Risikos eines Atomkrieges in Asien, angesichts des millionenfachen Hunger- und Bürgerkriegstods in den Zuliefererländern unserer Wirtschaft müssten wir eigentlich schlaflos sein. Aber irgendwie schaffen wir es, das, was wir wissen, vor uns selbst zu verleugnen. Die über Generationen eingeübte Lethargie, die Angst vor Chaos und Gewalt sind stärker. Aber das Chaos und die Gewalt sind längst unter uns. Wir haben das radikale Nein verlernt.

Als der Neffe Napoleons, der Urvater aller Populisten, 1850 die Macht in Frankreich übernahm, schrieb Marx seinen berühmten Satz, dass sich alles zweimal ereigne, einmal als Tragödie und einmal als Farce. Darin liegt vielleicht die wichtigste Lehre des Kommunismus: Nur die konsequente Historisierung der Gegenwart kann den Menschen befreien. Wenn wir die Welt als menschengemacht betrachten, erscheinen viele vermeintliche Sachzwänge als das, was sie sind: Machtstrategien, denen man sich entgegenstellen kann. Aus der Geschichte lernen lässt sich nur im Modus des Futur zwei: Wir verstehen die Vergangenheit nur, wenn wir versuchen, unsere Gegenwart gleichsam aus der Zukunft zu betrachten. Mit dem kommunistischen, dem utopischen Blick.