Natürlich blieb die Sensation nicht lange geheim. "Neues von LIGO. Quelle mit optischem Gegenstück. Das haut dich von den Socken!", twitterte am 18. August der Astronom J. Craig Wheeler aufgeregt. Ein paar Tage später vermeldete ein anderer Tweet, das Hubble-Teleskop habe die Verschmelzung zweier Neutronensterne beobachtet. Doch als der Astronomen-Gemeinde dämmerte, wie groß die Sensation wirklich war, wurden alle Beteiligten zum Stillhalten verdonnert. Nachrichten wurden gelöscht, und Wheeler entschuldigte sich auf Twitter: "Richtig oder falsch, ich hätte diesen Tweet nicht absenden sollen. LIGO verdient die Bekanntgabe, sobald sie es für angemessen erachten. Mea culpa."

Anfang dieser Woche durften die Forscher endlich ihre Sensation verkünden. Und weil daran so viele beteiligt waren, sprengte die Präsentation alle normalen Maßstäbe. Pressekonferenzen wurden zweigeteilt, weil auf einmal gar nicht alle Ergebnisse präsentiert werden konnten. In Nature und Science erschienen je sieben Artikel; ein weiteres Paper in Physical Review Letters war von rund 4000 (!) Autoren unterzeichnet.

Warum sorgt GW170817 für so viel Erregung? Zum einen haben die Forscher Gravitationswellen völlig neuer Art aufgefangen. Anders als die bis dahin bekannten Funde – die von der Verschmelzung Schwarzer Löcher herrührten – stammen die aktuellen Wellen von der Kollision zweier Neutronensterne. Für den Laien mag das Jacke wie Hose sein. Für Astronomen ist der Unterschied entscheidend. Schwarze Löcher sind gewaltige Schwerkraftmonster, die aus dem Kollaps massereicher Sterne entstehen. Wenn zwei davon zusammenprallen, entstehen Gravitationswellen. Diese sind kurz, passieren uns in weniger als einer Sekunde. Zudem senden sie keine elektromagnetische Strahlung aus, also kein Licht.

Ganz anders Neutronensterne. Sie entstehen, wenn kleinere Sterne ihren Brennstoff verbraucht haben und in sich zusammenstürzen. Mit einem Durchmesser von rund 20 Kilometern sind sie für kosmische Verhältnisse winzig, enthalten aber etwa so viel Masse wie eine Sonne. Wenn zwei solcher Objekte aufeinandertreffen, beginnen sie einander zu umkreisen, erst langsam, dann immer schneller, bis sie am Ende in einem gewaltigen Lichtblitz verglühen. Dabei geben sie Gravitationswellen ab, die zwar erheblich schwächer sind als jene von kollabierenden Schwarzen Löchern, die aber deutlich länger dauern. Das von LIGO und Virgo aufgefangene Signal hielt fast zwei Minuten an – ein lang gezogener Todesschrei der beiden Neutronensterne. Aus solch einer Messung kann man sehr viel mehr Informationen ziehen als aus dem sekundenkurzen Zittern, das von Schwarzen Löchern herrührt.

So konnten die Forscher erstmals in Ruhe dem Verglühen der Neutronensterne in einer Kilonova zusehen (so genannt, weil sie tausendmal so hell ist wie eine normale Nova, eine Sternexplosion). Die Messungen bestätigen nicht nur die lange gehegte Vermutung, dass dabei radioaktives Material ins All geschleudert wird, sondern auch, dass schwere chemische Elemente wie Gold, Platin und Uran ihren Ursprung in Kilonovae haben.

Zudem entschlüsselten die Forscher ein Geheimnis, das sie schon lange umtrieb: das der Gammablitze. Entdeckt wurden sie Ende der sechziger Jahre von Satelliten, die Spuren von Kernwaffenexplosionen nachweisen sollten. Dabei stießen sie auf merkwürdige Strahlungsausbrüche im hochfrequenten Bereich, noch jenseits der Röntgenstrahlung. Mal traten diese Gammastrahlen sekundenlang auf, mal dauerten sie mehr als eine halbe Minute – doch nie gelang es, die Quelle der seltsamen Lichtblitze ausfindig zu machen. Nun liefert GW170817 den lange gesuchten Nachweis, dass zumindest die kurzen Gammablitze aus der Verschmelzung von Neutronensternen stammen.

Damit nicht genug. Selbst Rückschlüsse auf die Entwicklung des Weltalls lässt das Ereignis zu. Es hilft, die entscheidende Maßzahl für die Ausdehnung des Universums – die Hubble-Konstante – genauer zu bestimmen. Üblicherweise lässt sich die Entfernung von Galaxien nur schwer schätzen. Die Kombination von Gravitationswellen und elektromagnetischen Signalen hingegen erlaubt es, die Entfernung der Neutronensterne in NGC 4993 präzise zu bestimmen. Der daraus abgeleitete Wert für die Hubble-Konstante beträgt 70 (Maßeinheit: Kilometer pro Sekunde pro Megaparsec); er ist künftig die Richtschnur für viele andere Messungen.

Kein Wunder also, dass die Forscher von einer "neuen Ära der Multi-Messenger-Astronomie" schwärmen. Nahezu über Nacht haben ihre stummen Bilder Ton bekommen, ein historischer Sprung, den manche begeisterungstrunken mit der Zeit vor 400 Jahren vergleichen, als Galileo Galilei erstmals sein Teleskop auf die Monde des Jupiter richtete und das Zeitalter der optischen Astronomie einleitete.

Nun muss das alles wissenschaftlich verdaut werden. Das haben auch jene Forscher gemerkt, die diese Woche zur Konferenz über die "Zukunft der Gravitationswellen-Astronomie" in Berlin anreisten. Der Termin war lange verabredet, als noch niemand von der Sensation ahnte. "Wir müssen uns erst mal sortieren", sagt der Organisator Frank Ohme vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik. "Die meisten Teilnehmer standen die letzten vier Wochen total unter Strom, haben durchgearbeitet und wenig geschlafen." Da werde auf dem Berliner Treffen wohl nicht nur stringent diskutiert werden. "Viele wollen jetzt erst einmal die Feierstimmung mitnehmen." Es sei ihnen gegönnt.