I. Handschuhe gehören dazu

Handschuhe sind aus der Kunstwelt nicht wegzudenken: Wer Kunstwerke berühren und ihren Wert nicht leichtfertig mindern will, der sollte seine Hände bedecken. Selbst unerfahrenere Kunsträuber halten sich zumindest an dieses Gebot, vielleicht auch, weil sie um die Wiedererkennbarkeit ihrer Fingerabdrücke wissen. Allerdings müssen es nicht immer ledernde weiße Glacéhandschuhe sein, die Vornehmheit und Zurückhaltung ausstrahlen. Gewöhnliche Baumwolle genügt, um jene Wertschätzung und Fürsorglichkeit zu vermitteln, die zur Mindestqualifikation eines Kunstinteressierten zählen. Kurzum: Handschuhe gehören dazu, wenn mit Kunstwerken als Wertgegenständen hantiert wird. Im Museum genauso wie im Auktionssaal.

II. Weiß müssen sie sein

Zwar vertreten viele Museumsleute und Archivare die Ansicht, dass Handschuhe eher hinderlich seien, wenn man mit Kleinteiligem oder Kunst auf Papier umgehe. Da erhöhten sie nur die Gefahr der Beschädigung, weil das Fingerspitzengefühl verloren ginge. Gründliches und regelmäßiges Händewaschen sei sinnvoller, um Spuren von Schweiß und Hautfett auf den Werken zu vermeiden. Aber Händewaschen ist lästig, wird schnell vergessen – während man sich an die Handschuhe schnell gewöhnt, gerade weil jeder bei den anderen darauf achtet. Sie sind eben auch und vor allem: ein Ritual. Die Tradition gibt auch die Farbe vor: Weiß müssen sie sein, wenn Saaldiener damit das Auktionsgut präsentieren.

III. Der Auktionator ist die Ausnahme

Nur der Auktionator waltet bloßhändig seines Amtes. Unbehandschuht verkündet er mit einem Hammerschlag sein "... und zum Dritten". Doch manches Mal wird ihm nach dem letzten Zuschlag mit einer gewissen Feierlichkeit ein Paar weißer Handschuhe überreicht. Mit dieser Zeremonie wird demonstriert, dass ihm ein "White Glove Sale" gelungen ist.

IV. Hundert Prozent verkauft

Ein solches Ereignis tritt ein, wenn es dem Versteigerer gelungen ist, alle Lose zu versteigern – was selten ist. Unlängst vollbrachten das zum Beispiel die Auktionatoren der Häuser Van Ham bei der Achenbach-Auktion, Christie’s mit dem Schmuck der Bloomingdale-Erbin oder Sotheby’s mit den Hinterlassenschaften von David Bowie und dem Dramatiker Edward Albee.

Der Ausdruck "White Glove Sale" für solch einen hundertprozentigen Verkauf ist nicht sonderlich alt. Merriam-Webster, der amerikanische "Duden", registriert ihn 1979 zum ersten Mal. Und man mag darüber streiten, ob er sich wirklich von den weißen Handschuhen des Personals ableitet. Oder von dem altenglischen Brauch, einem Richter ein Paar weiße Handschuhe zu überreichen – wenn er in eine Stadt kam, in der niemand im Gefängnis saß und auch kein Prozess anstand. Auch das war eine Kunst im wilden, alten England.