Im Hamburger Osten, dort, wo die Stadt ihre raue Seite zeigt, wo keine Elbphilharmonie in der Sonne glitzert, sondern sich Lastwagenkolonnen in Richtung Hafen und Autobahn schieben, sitzt Norbert Maritzen in einer ehemaligen, von Kindern und Lehrern verlassenen Schule und vermisst Hamburgs Bildung. In endlosen Datenverläufen sieht er, was die Schüler in Deutsch, Mathe, den Naturwissenschaften und Englisch lernen. An welche Schulen die besonders Begabten gehen und wo Lehrer darum kämpfen, dass Jugendliche am Ende ihrer Schulzeit wenigstens flüssig lesen können.

Kein anderes Bundesland misst und vergleicht so viel wie die Hansestadt. Nirgends sonst wird Schulentwicklung so konsequent auf der Grundlage von Leistungsvergleichen betrieben wie in den Schulen zwischen Elbe und Alster. Dass einer wie Norbert Maritzen, der in Hamburg für das Bildungsmonitoring zuständig ist, gelegentlich als Berater nach Bremen gerufen wird, wundert nicht. Die Stadt schneidet in allen Bildungsrankings seit Langem schlecht ab, die Leistungen der Bremer Schüler dürften inzwischen auf dem Niveau eines lateinamerikanischen Schwellenlandes angelangt sein. Dass der ehemalige Schulleiter mit den grauen Wusellocken hin und wieder aber sogar dem einstigen Streber-Ländle Baden-Württemberg erklärt, dass, wer Leistung ernst nimmt, Leistung auch messen muss, überrascht dann doch. Wer hätte gedacht, dass andere ausgerechnet von Hamburg lernen wollen? Die Hansestadt beweist, was sich mit Leistungsbewusstsein, Kontinuität und Qualitätsmanagement im Laufe einer Schülergeneration erreichen lässt. Diese Rezepte aus dem Hamburger Bildungslabor verdienen deutschlandweite Aufmerksamkeit, gerade jetzt, da die Republik aufgeregt darüber diskutiert, warum Deutschlands Grundschüler schlechter lesen und rechnen können als vor fünf Jahren – und ob daran die Migranten schuld sind.

Lange Zeit sah es ja so aus, als sei die bildungspolitische Landkarte Deutschlands in Stein gemeißelt. Bayern und Sachsen, das waren die an der Spitze, die konnten alles: rechnen, lesen, zuhören, sogar richtig schreiben. Auch Baden-Württemberg galt als Primus, während die Stadtstaaten, darunter Hamburg, die Problemkinder waren.

Die Ergebnisse des jüngsten Leistungsvergleichs des Berliner Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) haben dieses Bild zum Teil korrigiert. Wenig überraschend sind die bayerischen und sächsischen Grundschüler erneut die Besten. Baden-Württemberg aber sackt, wie schon beim Vergleich der Neuntklässler im vergangenen Jahr, spektakulär ab. Die Lage in Nordrhein-Westfalen ist dramatisch. Und klar nach oben geschoben hat sich – Hamburg.

"Die Hansestadt hat in den erreichten Kompetenzen zwischen 2011 und 2016 deutliche Fortschritte gemacht", sagt Petra Stanat, die Leiterin des IQB. Hamburg gewinnt damit gegen einen besonders auffälligen Trend: Denn fast alle Bundesländer, selbst die Spitzenreiter, haben sich verschlechtert. Die Hamburger Viertklässler dagegen liegen beim Lesen jetzt im Mittelfeld, den sogenannten Regelstandard erreichen hier mehr Schüler als in Baden-Württemberg. Im Zuhören schaffen es die Hamburger sogar fast in die nationale Spitzengruppe. Und in Mathematik, wo die Stadt weiterhin der nationalen Schlussgruppe angehört, liegt sie deutlich vor Berlin und Bremen.

Bremen und Hamburg. Die beiden Hansestädte lagen viele Jahre dicht beieinander im Ranking-Keller, nun verlässt Hamburg die Schicksalsgemeinschaft. Bremen dagegen rutscht weiter nach unten – in sämtlichen Disziplinen. Nicht einmal mehr die Hälfte der Viertklässler erreicht dort im Lesen die Regelstandards, 40 Prozent aller Grundschüler kennen die orthografischen Grundregeln nicht, schreiben also so gut wie jeden Satz falsch.

Die Bremer Probleme sind den Hamburgern allzu bekannt: Klassen mit einem hohen Anteil an Migrantenkindern und – Stichwort Inklusion – immer mehr Schüler mit besonderem Förderbedarf; soziale Brennpunkte mit Elternhäusern, die die Schule zum Dienstleister erklären und sich selbst um den Lernerfolg ihrer Kinder wenig scheren.