Eine seltsame Ansammlung betagter Herrschaften stört die Masse junger Leute, die im Nürnberger Hauptbahnhof ohrenbestöpselt dem Wochenende entgegenströmt. Die im Weg herumstehenden Alten in Trench und Cord, mit eher leichtem Gepäck, zeigen Wiedersehensfreude nach oft vielen Jahren. Sie haben sich hier gefunden ohne Handy, die Erkennungszeichen sind ein paar grüne Pappschilder, auf denen eine kryptische Formel steht: "Gruppe 47". Weiter geht es im Reisebus, und während der folgenden Stunde durch die Täler der Fränkischen Schweiz wirkt die Truppe dann weniger auf Kaffee- als vielmehr auf Klassenfahrt: An Bord sind ungefähr dreißig muntere Autorinnen und Autoren samt Begleitung, drei Büchnerpreisträger darunter, alles in allem 2000 Jahre deutsche Literaturgeschichte.

Stumm angesichts all der Namen und Werke schaut die jüngste Reisende hinaus in den herrlichen oberfränkischen Indian Summer. Sie könnte eine Enkelin der anderen Ausflügler sein. Im Bus ist die Stimmung ansonsten aufgekratzt: Dem einen kann man tatsächlich zur Geburt einer Enkelin namens Dalia gratulieren, dann politisiert man über Trump wie einst über den Vietnamkrieg; es wird bedauert, dass Martin Walser nicht komme, und fröhlich spekuliert, weshalb Michael Krüger kurzfristig abgesagt hat, denn Zeitungen werden in diesem Kreis noch sehr genau gelesen: "Hat Michel etwa einen Skandal ausgelöst?" (siehe nebenstehender Text).

Nach Waischenfeld fährt der Bus mit den, so darf man sie heute wohl nennen, Überlebenden der legendären Gruppe 47. Tatsächlich ist diese Tour im Jahr 2017 ein kleines Wunder: 70 Jahre ist es her, dass der Schriftsteller Hans Werner Richter erstmals Autoren für ein paar Tage im Allgäu versammelte, um zu lesen und zu kritisieren; die Gruppe 47 war entstanden, fortan regiert von Richters strenger Einladungspolitik, er lud per Postkarte. Zwei spätere Literaturnobelpreisträger entstammten der Gruppe – Heinrich Böll und Günter Grass; auch Ingeborg Bachmann, Martin Walser, Peter Weiss, Uwe Johnson, Hans Magnus Enzensberger und Peter Handke waren dabei, ebenso die Kritiker Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens, Joachim Kaiser, Hans Mayer und Walter Höllerer.

Vor 50 Jahren schließlich tagte die Gruppe ein letztes reguläres Mal, im Gasthof Pulvermühle im besagten Waischenfeld am kleinen Flüsschen Wiesent – Grund genug für die Veteranen, zum Jubiläum ein halbes Jahrhundert später noch einmal hierherzukommen, für ein Wochenende mit Lesungen, Filmen und Podiumsdiskussionen an diversen Orten. Abends in der neuen Pulvermühle, die alte ist längst verschwunden, wie es sich für einen echten Mythos gehört, sitzen dann alle bis spät beieinander. Getanzt wird allerdings, naturgemäß, nicht mehr.

Literarische Gruppen sind heute ungeeignet

Längst ist das alles vielfach erforschter Lehrbuchstoff, eine ferne Vergangenheit, die das idyllische Örtchen mit seinen verstreuten 3000 Einwohnern überfällt, den heutigen Schülern fast so fern wie die alles beherrschende Burg aus dem 12. Jahrhundert. Von dort schaut anderntags Hans Magnus Enzensberger über diese Gegend, in die er als Nürnberger Kind oft Ausflüge machte. Dem bald 88-Jährigen gelingt sein lebenslanges Distanzspiel immer noch perfekt. "Die Bedeutung der Gruppe 47 wird sehr überschätzt", verkündet er prompt; er sei vor allem gekommen, um alte Freunde wiederzusehen. "Ich bin nicht nostalgisch." Fasziniert ist er wie eh und je von der globalen Gegenwart und deren Material für die jungen Autoren: "Was für Stoffe sind das!"

Tatsächlich erhielten die beiden Jungen, die als Gäste eingeladen waren, nach ihrer Lesung den Ritterschlag. "Ihr hättet große Chancen gehabt, glänzend durchzukommen, vor fünfzig Jahren damals in der Pulvermühle": Das Lob für Nora Bossong, Jahrgang 1982, und Simon Strauss, Jahrgang 1988, kam von Büchnerpreisträger Jürgen Becker, der 1967 nach seiner Lesung den Preis der Gruppe 47 bekommen hatte. "Aber manches überleben die Toten leichtfüßiger": Mit ihrem neuen Gedicht Versuch über die Provinz hatte Bossong einen Ton für Ort und Augenblick gefunden. Politisches Engagement fanden Jung und Alt wichtig, nur hielten sie eine literarische Gruppe hierfür in der heutigen, völlig veränderten Öffentlichkeit für ungeeignet; zu Recht hatte der Kritiker Joachim Kaiser schon früh die Gruppe 47 eine Art Hauptstadt-Ersatz genannt.

Resolutionen setzten die Schriftsteller diesmal also nicht auf, anders als 1967, als man gegen die Springer-Presse protestierte. Auch die Erlanger Studenten fehlten, die damals vor der Pulvermühle die Gruppe 47 mit ironischen "Dichter, Dichter"-Rufen und dem Transparent "Die Gruppe 47 ist ein Papiertiger" eher harmlos attackierten. Politische Demonstrationen fanden an diesem Wochenende nicht im Fränkischen, sondern auf der Frankfurter Buchmesse statt.