Wenige Monate bevor sich im Jahr 2015 die Flüchtlinge aus den Lagern in Syrien, in Jordanien, im Libanon und in der Türkei auf den Weg nach Europa machten, hatten die Vereinten Nationen (UN) dort die Lebensmittelhilfen zusammengestrichen. Der Grund: Geldmangel. Die fehlende Finanzierung und die daraus folgende Kürzung der Essensrationen gilt heute als einer der größten außenpolitischen Fehler der jüngeren Geschichte. Wenn es nicht mehr genug zu essen gibt, gehen auch die Menschen, die eigentlich bleiben wollen.

Warum diese Episode hier erwähnt wird? Weil sich das Welternährungsprogramm der UN gerade erneut gezwungen sieht, Essensrationen zu kürzen, diesmal in den Lagern in Kenia und in Uganda. Dorthin sind Menschen aus dem Südsudan und anderen Nachbarländern geflohen. Und wieder fehlt das Geld, sie ausreichend zu versorgen.

Wie kann das sein? Hatten sich nicht die Beteiligten, vor allem die Europäer, geschworen, alles besser zu machen und künftig Fluchtursachen zu bekämpfen statt Flüchtlingsströme?

Nun ist es eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, in manchen Ländern Afrikas oder im Nahen Osten die Bedingungen dafür zu schaffen, dass die Menschen dort eine Zukunft haben. Niemand weiß, ob das durch Einfluss von außen überhaupt möglich ist – oder ob sich die Bevölkerung in den betroffenen Ländern den Fortschritt nicht selbst erkämpfen muss. Die Bilanz von mehr als einem halben Jahrhundert Entwicklungshilfe jedenfalls ist gemischt.

Eines aber sollte klar sein: Man muss alles dafür tun, Kriegsflüchtlinge in der Nähe ihrer Heimatländer unterzubringen – und sie dort versorgen. Ausreichendes Essen und sauberes Trinkwasser sind das eine, hinzu kommen Schulen für die Kinder, Krankenhäuser und wenn möglich Arbeitsplätze.

Das erleichtert den Flüchtlingen später nicht nur die Rückkehr in ihre Heimatländer, es ist außerdem erheblich günstiger, als wenn die Menschen nach Deutschland, Frankreich, Italien oder Großbritannien weiterziehen und dort untergebracht werden müssen.

Aus diesem Grund wurden die Mittel für das Welternährungsprogramm zuletzt kräftig aufgestockt. Allein im vergangenen Jahr hat Deutschland 570 Millionen Euro für Hilfsprogramme in Jordanien, im Irak und in Ägypten versprochen und ausgezahlt. Aber es gibt immer noch Länder, die ihre Zusagen nicht einhalten. Vor allem die Zahlungsmoral der arabischen Staaten lässt zu wünschen übrig.

Eine andere, weitaus dramatischere Entwicklung kommt hinzu. Selbst wenn alle ausstehenden Beträge überwiesen würden, würde das Geld nicht reichen, so sehr hat sich die Lage in vielen Lagern verschlechtert. Warum? Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der hungernden Menschen im vergangenen Jahr gestiegen – nachdem sie zuvor stets gesunken war. Es gibt inzwischen sieben Länder, für die die Vereinten Nationen die höchste Notstandsstufe ausgerufen haben, weil sich die Lebensmittelversorgung dort dramatisch verschlechtert hat. Das gab es noch nie in der Geschichte der Weltorganisation.

Betroffen sind der Jemen, der Südsudan, Somalia, die Demokratische Republik Kongo, Syrien, der Irak und Myanmar. Die Folge: Immer mehr Menschen fliehen, die Flüchtlingslager in den Nachbarländern sind überfüllt.

In fast allen Fällen sind bewaffnete Konflikte die Ursache der Misere. Sie führen dazu, dass die Bauern von ihren Feldern vertrieben werden und die Händler aus ihren Läden. Und auch wenn es richtig ist, dass solche Konflikte nicht mit Geld beendet werden können – mit Geld lassen sich wenigstens die schlimmsten Folgen abmildern. Dafür reicht es nicht aus, bei Bedarf kurzfristig ein paar Millionen bereitzustellen. Um die Menschen zu unterstützen, müssen Nahrungsmittel besorgt, Transportwege erschlossen, Helfer angeworben und ausgebildet werden. Das braucht Zeit – und es setzt voraus, dass die Hilfsgelder kontinuierlich fließen. Dafür bräuchten die UN insgesamt mehr Geld – auch von den Europäern.

Oder wollen wir wirklich denselben Fehler zweimal machen, mit allen tragischen Folgen?