Vier Parteien, vier Weltsichten – daraus ist in Deutschland noch nie eine Regierung gebildet worden. Wenn an diesem Freitag CDU, CSU, FDP und Grüne zu ihren Sondierungsgesprächen zusammenkommen, trifft alles aufeinander: Position und maximale Gegenposition; unterschiedlichste Politikstile; und dazu noch vier Verhandlungspartner, die nicht besonders kompromissfähig sind. Die Union ist nach ihrer Wahlschlappe desorientiert und schielt nach rechts. Die Grünen haben eine Parteiführung, der Teile der eigenen Basis misstrauen. Und die FDP leidet noch unter dem Trauma der letzten Regierungsbeteiligung, als man danach aus dem Bundestag flog.

Jamaika klingt nett, wird aber hochkompliziert. Und keine der beteiligten Parteien hat Lust auf Neuwahlen, auf eine weitere Begegnung mit dem Wähler, der seltsam unberechenbar geworden ist.

Wie lässt sich das Unvereinbare einen? Welche Strategien wenden die Verhandler an – und welche Kniffe? Wer wirkt von außen auf die Gespräche ein? Wann fällt die Entscheidung? Ein kleiner Einblick in Taktik, Tricks und Timing von Jamaika.

Die geschwächte Königin

Angela Merkel ist nicht mehr unantastbar. 2005 versammelten sich die eigenen Leute trotz eines enttäuschenden Wahlergebnisses hinter ihr – allein schon, um der SPD das Kanzleramt zu entreißen. 2009 hatte Merkel das Image der erfolgreichen Krisenmanagerin. 2013 galt sie als heimliche Anführerin der westlichen Welt. Und diesmal? Ausgerechnet in der CDU wächst die Unzufriedenheit, Merkels Auftritt nach der historischen Niederlage bei der Bundestagswahl ("haben alle strategischen Ziele erreicht") galt als unpassend und symptomatisch: Wieder einmal scheut sie die inhaltliche Diskussion.

Das ist neu für die Verhandlerin Merkel: Bislang galt sie auch deswegen als stark, weil ihre Gegner schwach waren. Nun ist sie selber geschwächt. Dagegen wirkt ein anderer auf einmal frei und gestärkt: Wolfgang Schäuble. Seit klar ist, dass Schäuble dem Kabinett nicht mehr angehören wird, stichelt er gegen Merkel – vor Journalisten wie Parteifreunden. Auch das untergräbt ihre Verhandlungsposition.

Vorfühlen, ohne vorzupreschen

Dass die Sondierungsgespräche erst diese Woche starten, heißt nicht, dass man zum ersten Mal miteinander redet. Es wurden SMS geschickt, man telefonierte, traf sich zum Mittagessen oder auf ein Bier. Manche, wie die Parteichefs von FDP und Grünen, Christian Lindner und Cem Özdemir, kennen sich seit Langem, sind gar per Du. Andere, wie Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und die Außen- und Sicherheitsexperten der FDP, müssen sich erst kennenlernen. Bei solchen Gesprächen geht es um zwei Dinge. Erstens will man verstehen, wo bei den anderen die roten Linien verlaufen. Die Sondierung vor der offiziellen Sondierung spart Zeit und schützt vor Überraschungen. Zugleich ist allen klar, dass sich niemand zu tief in die Karten gucken lassen will oder, ganz verboten, irgendwelche Versprechungen machen wird. Es ist ein Abtasten.

Zweitens geht es um den menschlichen Faktor. Koalitionsverhandlungen laufen nach keinem Algorithmus, sind nicht völlig planbar. Es geht um Sympathien und – bei Jamaika besonders wichtig – auch darum, Aversionen abzubauen. Der menschliche Faktor ist genauso wichtig wie der Inhalt, das meint jedenfalls ein amtierender Minister: "Eine Jamaika-Koalition wird nur zustande kommen, wenn die Beteiligten einander ausstehen."