"Kunst zu sammeln ist die schönste Krankheit der Welt", behauptet der legendäre Sammler Simon de Pury. Wie schnell sich dieses Virus ausbreiten kann, das zeigt ausgerechnet eine Region, die lange als "kunstfern" und "bilderfeindlich" galt: der Persische Golf und insbesondere das Emirat Katar. Doch heute ist Kunstkauf hier Staatsräson – und der Emir Tamim bin Hamad al-Thani selbst sowie seine Regierung sammeln obsessiv.

Geld ist genug vorhanden. Der jährliche Kunstetat des Golfstaats umfasst eine Milliarde Dollar – das ist Weltrekord. Und die Scheichs von der Wüstenhalbinsel geben das Geld eifrig aus. Ihre Großoffensive begann 2012, als sie bei Sotheby’s in New York eine Version von Edvard Munchs Der Schrei ersteigerten. Preis: 120 Millionen Dollar. Nie war bei einer Auktion mehr bezahlt worden. 2015 erwarb Katar ein Bild des Malers Paul Gauguin für 300 Millionen Dollar. Es folgte die Bordellszene Les femmes d’Alger von Pablo Picasso für 180 Millionen Dollar. Auch Paul Cézannes Kartenspieler sollen für 250 Millionen Dollar nach Katar gegangen sein.

Hinter den Shopping-Touren steht die Schwester des Emirs, Scheicha al-Majassa bint Hamad bin Chalifa al-Thani. Kritiker haben die 34-Jährige mal die "Medici des Nahen Ostens" genannt. Vor vier Jahren rief das Internetportal Art Review sie zur "einflussreichsten Frau der Kunstwelt" aus. Ein Jahr später zählte sie das Magazin Forbes zu den 100 einflussreichsten Frauen der Welt. Da hatte die heute gerade mal 34-jährige Scheicha ihre Späher längst um die Welt geschickt, um das Beste, Teuerste und Raffinierteste nach Hause zu bringen. Werke der arabischen Moderne etwa oder Rara wie 1400 Jahre alte Artefakte aus der Frühzeit der islamischen Zivilisation. Die Preise für islamische Kunst zogen weltweit an, zumal auch der Louvre in Paris, die Scheichs aus Abu Dhabi und das Guggenheim Museum investierten. Das weckt Neid – denn vielen Museen zwischen Rom, London und New York fehlt praktisch der Ankaufetat. Die Petrodollars machten die Katarer suspekt, hinter vorgehaltener Hand lästert man gern über die "nouveaux riches" vom Golf.

Natürlich symbolisiert die Kunst in Katar nationales Prestige, den Anspruch auf Vorherrschaft in der Region; sie ist mehr als die Marotte einer superreichen Wüstendynastie, die ihre inzwischen 14 Museen füllen muss – etwa das Mathaf, das weltweit einzige Museum für die arabische Moderne, und das neue Nationalmuseum in Form einer Sandrose. Hinter den Käufen steht ein Masterplan – der erklärte Wille, Katar groß zu machen. Sammeln ist Politik, auch Wirtschaftspolitik.

Begonnen hat alles mit dem Museum für Islamische Kunst (MIA), einem matt schimmernden Bau in der Bucht von Doha. Die kubistische, in sich gedrehte Pyramide, entworfen vom Architekten I. M. Pei, hat in den vergangenen zehn Jahren Zigtausende Besucher angelockt, während es sonst in der Region kein funktionierendes Museum gibt. Das MIA erfüllt auch eine politische Funktion: Die angekauften Werke erzählen von der Geschichte und der Kultur einer Religion, die zurzeit in der Welt eher für Unfrieden steht. Wer aber den Islam ernsthaft mit Islamismus und Terror gleichsetzt und die Sammlung erlebt hat, der wird das Museum beschämt wieder verlassen.

Und auch die Wirtschaft des Landes nutzt die Kunst als Kulisse für Geschäfte und Beziehungspflege. Beim Bankett anlässlich des deutsch-katarischen Kulturjahres saßen Anfang Oktober unter der Kuppel des MIA Gäste, die den Katarern bereits vertraut sind: die Chefs der Deutschen Bank und von Volkswagen. Katar besitzt über seinen Staatsfonds 17 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien von Volkswagen und rund acht Prozent der Aktien der Deutschen Bank.

Als Morgengabe haben die beiden Unternehmen zwei Ausstellungen mitgebracht. Volkswagen fährt eine noch vom kürzlich verstorbenen Kulturmanager und Museumsdirektor Martin Roth gestaltete fulminante Übersichtsschau vor: Driven by German Design umfasst avantgardistisches Design von Braun genauso wie den kuscheligen Olympiadackel Waldi von 1972 und Porsche-Modelle. Und die Deutsche Bank überbrachte eine Gemäldeausstellung aus ihrem Fundus, der mit 55 000 Werken auf Papier "größten Unternehmenssammlung der Welt", wie Friedhelm Hütte schwärmt, Leiter der Kunstabteilung der Deutschen Bank. Scheicha al-Majassa dankte den Deutschen dafür, dass sie in einer schwierigen Zeit der Blockade durch ihre arabischen Nachbarn nach Katar gekommen seien ("Wir werden den Deutschen ihre Solidarität nicht vergessen"). Mancher katarische Sammler wähnte sich gar auf einer Kunstmesse und fragte, wo man all die schönen Dinge kaufen könne.

Und Katar rüstet sich weiter. Besucher der Fußball-WM 2022 werden auch ein unerwartet großes Kulturangebot vorfinden. Wie ein Fürstenhof der Renaissance deckt sich das Emirat ein, abgesichert durch die größten bekannten Gasreserven der Erde. Die massiven Kunstkäufe künden von einem globalen Wandel, von der Entstehung neuer Zentren in der Welt, Doha will unbedingt dazugehören. Man sollte den Zwergstaat nicht unterschätzen.