Wir alle sind evangelisch und katholisch

Wenn das Wort "katholisch" einen verständlichen Sinn haben soll, dann taugt es überhaupt nicht als Konfessionsbezeichnung. Denn "katholisch" bedeutet "allumfassend" und zielt nicht nur auf alle Christen, sondern auf alle Menschen. Es ist ein Verheißungswort, nicht eine Konfessionsbezeichnung. Genau dies hat das Wort "katholisch" mit dem Wort "evangelisch" gemeinsam.

Denn evangelisch, also auf das Evangelium bezogen, kann niemals nur für eine einzige Kirche gelten. Wer sich evangelisch nennt, kann so wenig mit sich selbst zufrieden sein, wie jemand, der sich katholisch nennt. Beide Bezeichnungen haben das Rebellische gemeinsam: So, wie es ist, kann es nicht bleiben. Evangelische und Katholische sollten sich deshalb an den Rat halten, den der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani allen Glaubenden gegeben hat: Man kann die eigene Religion nicht selbstgerecht verteidigen. Kermani sagt: "Die Selbstliebe muss, damit sie nicht der Gefahr des Narzissmus, des Selbstlobs, der Selbstgefälligkeit unterliegt, eine hadernde, zweifelnde, stets fragende sein." Wie wäre es, wenn wir dieses Hadern, diesen Zweifel, diese Fragen als das Gemeinsame anerkennen und sagen: Was uns einst, ist wichtiger als das, was uns trennt? Mehr noch, wenn wir die Kultur der Deutschen als eine Kultur der Selbstkritik und Selbstbefragung verstehen? – Ja, dann könnte ich mich sogar mit dem Wort "Leitkultur" anfreunden.

Die mangelnde Achtung vor der Verschiedenheit der Menschen kann genauso ein Verstoß gegen den katholischen Charakter der Kirche sein, wie der mangelnde Wille zur Gemeinschaft einen Verstoß gegen die Einheit der Kirche bildet. Wer beide Verstöße vermeiden will, darf Einheit nicht als Uniformität und Verschiedenheit nicht als Verzicht auf Gemeinschaft verstehen. Wer die Ökumene stärken will, sollte das einbringen, was ihm selber wichtig ist, anstatt es abzuschleifen. Die Summe dessen, was uns am Glauben wichtig ist, macht die Gemeinschaft der Kirchen überzeugend. Undeutlichkeit nützt der Einheit nicht.

Ökumene ist keine Entscheidung, welche die Christen treffen oder auch unterlassen könnten. Die Zusammengehörigkeit ist Fundament ihres Bekenntnisses: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.

Wir sind Christen, bevor wir evangelisch oder katholisch sind. Aber Christ ist man nicht im luftleeren Raum, sondern in der bewussten Aneignung einer bestimmten Tradition. An der reformatorischen Tradition, in der ich lebe, sind mir das Vertrauen auf Gottes Gnade, die gemeinsame Verantwortung aller Getauften und die Lebensform verantworteter Freiheit besonders wichtig. Sie möchte ich gern einbringen in eine Gemeinschaft der Kirchen, in der Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Reichtum verstanden wird.

Wenn wir uns um Jesus Christus versammeln, brauchen wir vor der Vielfalt keine Angst zu haben. Und wenn diese Angst vergeht, erkennen wir, dass wir zusammengehören. Dann sind wir alle – in unserer bleibenden Verschiedenheit – evangelisch und katholisch zugleich.

Jetzt ist das gemeinsame Abendmahl möglich

Ehrlich gesagt: Wir könnten längst das Abendmahl zusammen feiern. Wo ist das Problem? Im ökumenischen Dialog haben die deutschen Theologen gezeigt: Es gibt ein gemeinsames Grundverständnis dessen, was Abendmahl und Eucharistie bedeuten. Es gibt eine Annäherung in der Frage, was Funktion und Sinn des kirchlichen Amtes sind. Und Luther hatte gute Gründe anzunehmen, dass seine Ordinationen von Pfarrern gültig sind. Kurz: Es ist möglich, die Kirchen der Reformation auch nach katholischen Maßstäben als Kirchen anzuerkennen.

Deutsche Theologinnen und Theologen sind nämlich längst dort, wo die Kirchenleitungen noch hinkommen müssen. Wer die vielen ökumenischen Konsensdokumente studiert, der wird zugeben: Die wirklich kirchentrennenden Fragen sind längst beantwortet! Wer dagegen heute, wie einzelne katholische Bischöfe es tun, die konfessionellen Kontroversen von gestern ausgräbt, verachtet saubere theologische Arbeit und ihre guten Argumente. Und wer gar nach neuen konfessionellen Streitpunkten sucht (etwa in der Ethik), geht am Stand der Debatte in der eigenen Konfession vorbei.

Um in einer pluralen Welt fruchtbar zu sein, braucht es die Fähigkeit zur Unterschiedlichkeit. Das konstruktive Miteinander und nicht der beziehungslose Plural der Konfessionen ist das entscheidende Erbe der Reformation.

Papst Franziskus sagt dazu: "Wir Kirchen sind berufen, Gewissen zu bilden, nicht aber Gewissen zu ersetzen." Recht hat er! Katholiken haben gute Gründe, endlich die evangelischen Christen zum Abendmahl einzuladen, wie sie es mit den orthodoxen Christen bereits tun. Viele konfessionsverbindende Ehepaare, katholische und evangelische Christinnen und Christen, praktizieren dies seit Jahrzehnten – in Verantwortung vor ihrem Gewissen. Es wird Zeit, dass dieser Glaubenssinn der Gläubigen sich samt dem besseren theologischen Argument durchsetzt. Das gilt ganz besonders in Deutschland. Wir Katholiken sollten die Protestanten also endlich zum Abendmahl einladen: Herzlich willkommen!

Lange trennte uns konfessionelle Polemik

Was Luther auslöste, war ein weltgeschichtliches Ereignis von doppelter Wirkung. Dem Versuch der Erneuerung der Kirche und der Überwindung ihrer Selbstsäkularisierung steht die Spaltung der Christenheit gegenüber. Christus hingegen will die Einheit seiner Kirche als Zeichen der Einheit der Menschen mit Gott und untereinander. Nach Paulus ist die Kirche der eine Leib Christi mit den vielen Gliedern, die in Christus, dem Haupt, zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammengefügt sind.

Trennte uns durch viele Jahrhunderte die konfessionelle Polemik mit ihren Ressentiments und oft auch Fehlinterpretationen, so müssen wir heute auf der Hut sein, dass wir nicht Opfer werden eines Relativismus in der Frage nach der Wahrheit. Wir dürfen es uns nicht zu leicht machen und die gewichtigen Unterschiede in der Glaubenslehre, der Ethik und der Sicht der Sakramente auf plakative Formeln reduzieren oder für unwichtig erklären. Aber wir haben ein Fundament, auf dem wir gemeinsam stehen. Davon kann alle Bemühung ausgehen, die Differenzen zumindest so weit zu überwinden, dass sie nicht mehr trennend sind im Glaubensbekenntnis und in der Kirchengemeinschaft.