Sie waren nur ein knappes Dutzend in der Dunkelheit, mit Warnwesten und Plakaten. Aus Perspektive der katholischen Kirche aber unternahmen die Männer und Frauen in der saarländischen Kleinstadt Ottweiler Ungeheuerliches: Sie streikten! Für mehr Personal in der Pflege! In einem katholischen Krankenhaus! Zum ersten Mal haben sich damit in der vergangenen Woche Mitarbeiter einer Klinik der katholischen Wohlfahrt an einer bundesweiten Warnstreik-Aktion beteiligt. Der Ausstand im Saarland, so wünscht es sich die Gewerkschaft, markiert einen Etappensieg im Kampf gegen das kirchliche Arbeitsrecht, das weder Tarifverhandlungen noch Streikrecht vorsieht.

Wie aufgeputscht vom Erfolg im Saarland zogen in Berlin einen Tag später rund 50 Mitarbeiter der Diakonien vor die Hauptstadtzentrale ihres Wohlfahrtsverbands. Mit "Luthertüren" aus Pappe, auf denen "Streikrecht ist Grundrecht" stand.

Die Kirchen wissen, was auf dem Spiel steht für sie. Schließlich werfen beide Fälle grundsätzliche Fragen auf zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Soll man Mitarbeiter der Kirche, also auch Putzfrauen, Sozialarbeiter und Diätberater, anders behandeln als andere Arbeitnehmer? Ist es noch zeitgemäß, ihnen christliche Moralvorstellungen abfordern und gleichzeitig ihre Grundrechte beschneiden zu können?

Dass es aus der Bundespolitik gleich Verständnis für den Streik gab, wird bei ver.di als Bestätigung für die Kampagne gesehen. Karl Lauterbach beispielsweise, der führende Gesundheitspolitiker der SPD, verteidigt Mitarbeiter in kirchlichen Kliniken, die für mehr Personal in der Pflege streiken: "Wenn Stationen zu schlecht besetzt sind, dann ist das eine Gefahr für Patienten und Personal – ganz gleich ob es sich um ein kirchliches oder ein anderes Krankenhaus handelt. Darauf muss man auch mit einem Streik hinweisen dürfen", sagte Lauterbach gegenüber Christ & Welt. Das kirchliche Arbeitsrecht würde er gerne anpassen.

Doch kein Gewerkschafter wird allein mit Thermoskanne und Warnweste den dritten Weg zu Fall bringen können. Das schaffen die Kirchen nur selbst, wenn Sie die ihnen gewährten Rechte in Zeiten der Säkularisierung weiterhin als selbstverständlich erachten. So lässt sich der staatliche Vertrauensvorschuss schnell verspielen. Garantiert. Die Sonderrolle der Kirchen ist nämlich nicht in Stein gemeißelt. Sie ist abhängig von der Akzeptanz einer zunehmend kirchenkritischen bis -feindlichen Gesellschaft.

Es reicht nicht mehr, sich auf die Weimarer Verfassung zu berufen, auch wenn die bereits den Kirchen das Recht zubilligte, sich um ihre inneren Angelegenheiten selbst zu kümmern. Da kann man nicht einfach jeden Diskurs mit Verweis aufs Grundgesetz beenden, in das die Weimarer Regelung Eingang fand, ohne dass sich jemand 1949 sonderlich daran störte. Da muss man immer wieder begründen, warum man etwas anders, möglicherweise besser macht als ein staatliches Krankenhaus, und daraus den Rechtsanspruch ableiten. Dann, und nur dann, kann man den Gewerkschaften argumentativ etwas entgegensetzen, wenn diese etwa fordern, christliche Lebensführung könne man höchstens von Seelsorgern verlangen. Auch dass die Tarifpartner über Lohnerhöhungen und Arbeitsbedingungen in der Kirche nicht offen streiten dürfen, sondern verdammt sind, in paritätisch besetzten Kommissionen intern eine einvernehmliche Lösung zu finden, ist heutzutage erklärungsbedürftig. Bleibt die Frage: Warum gelingt es den Kirchen nicht mehr, ihre Rechte den Menschen so zu erklären, dass diese sie nachvollziehen können?

Man sei, lautet das Standardargument der Kirchen, eben eine Dienstgemeinschaft. Der Verkündungsauftrag schweiße Arbeitnehmer und Arbeitgeber zur Schicksalsgemeinschaft zusammen. Streit und Streik widersprächen dem christlichen Gemeinschaftsprinzip. Zu dem gehört es weiterhin, die katholischen Moralvorstellungen zu akzeptieren oder wenigstens, für Protestanten in höheren Positionen, Kirchenmitglied zu sein. Aus diesem Geist nun soll ein neues christliches Miteinander entstehen. Schön und gut!

Doch will die Kirche ihre Rechte weiterhin erfolgreich verteidigen, muss sie auch beweisen, dass das christliche Miteinander gelebte Realität ist und nicht nur der Kosten-Nutzen-Maximierung oder der Unterdrückung von Arbeitnehmerrechten dient. Dann darf die ökonomische Logik nicht den christlichen Auftrag dominieren. Davon abgesehen sind Caritas und Diakonie, die beiden großen Wohlfahrtsverbände, nicht mehr vergleichbar mit den überschaubaren Organisationen der Weimarer Republik. Die Diakonie etwa ist mittlerweile ein hochprofessionalisiertes Gesundheitsunternehmen. Einzelne diakonische Großbetriebe bewirtschaften bis zu 25 Krankenhäuser mit Tausenden Mitarbeitern. In ihrer Anonymität und Effizienz kann man sie mittlerweile kaum mehr von privaten Klinikketten unterscheiden.