Noch vor wenigen Wochen war Verantwortung ein zentraler Begriff für die FDP. Und zwar die Verantwortung der Sozialdemokraten. "Eine Partei, die jede Gestaltungsoption ausschließt, lässt ihre Wähler allein", höhnte Parteichef Christian Lindner nach der Bundestagswahl in Richtung der geschlagenen Genossen, die sich einer weiteren Großen Koalition verweigerten. Er warf der SPD vor, sich selbst zu "verzwergen".

Dass das mit der Verantwortung allerdings eine schwierige Sache ist, müssen die Liberalen dieser Tage selbst feststellen. In Niedersachsen schloss die FDP noch am Wahlabend eine Koalition mit SPD und Grünen aus. Etwaige Zugeständnisse und Offerten müsse man sich gar nicht mehr anhören, hieß es. Schon vor der Wahl habe man schließlich erklärt, für eine Ampel nicht zur Verfügung zu stehen. Ein Versprechen, sagt FDP-Landeschef Stefan Birkner, sei ein Versprechen. Seine Partei sei weder Umfaller noch Steigbügelhalter. Ohnehin wären die Liberalen bei Rot-Grün-Gelb als kleinste Partei nur Beiwerk. Und gegenüber SPD und Grünen gebe es "unüberbrückbare Differenzen", die sich nicht in Kompromissen auflösen ließen.

Es ist ein erstaunlich apodiktischer Ton, der bei der niedersächsischen FDP derzeit herrscht. Selbst wohlgesinnte Unternehmerverbände kritisieren die liberale "Ausschließeritis", und auch die Grünen wundern sich. Sie selbst hätten vorab keine roten Linien festgelegt, wollten stattdessen pragmatisch verhandeln, heißt es aus der Partei. Unüberbrückbare Differenzen sehe man nicht.

Welche Gegensätze zu wem nun wirklich unüberwindbar sein sollen, scheint auch unter Liberalen nicht ganz klar. Am Wahlabend in Hannover knöpften sich einige Freidemokraten in erster Linie die Grünen vor. "Gelbe und Grüne sind wie Feuer und Wasser", sagte der frühere Wirtschaftsminister Jörg Bode. Sein FDP-Landtagskollege Hermann Grupe sprach von einer "unverantwortlichen Landwirtschaftspolitik der Grünen". Die Sozialdemokraten um Ministerpräsident Stephan Weil hingegen seien eigentlich ganz vernünftig.

Anders klingt das bei Landeschef Birkner. Er wirft vor allem der SPD eine "ideologisierte Innen- und Rechtspolitik" vor und polterte noch immer in bester Wahlkampfprosa gegen den "Einheitslehrer" und die "Einheitsschule", die auf Wunsch der Sozialdemokraten im ganzen Land durchgesetzt werden sollten. Ein Jamaika-Bündnis mit den Grünen könnte er sich durchaus vorstellen.

Ähnliches verkündet aus Berlin Parteichef Christian Lindner. Eine schwarz-gelb-grüne Regierung sei eine neue Konstellation und kein Weiter-so, lautet seine Begründung. Dass die Jamaika-Parteien bei der Niedersachsenwahl allesamt Federn lassen mussten und die Grünen bereits Ablehnung gegenüber einem solchen Bündnis signalisierten, ist weder für Lindner noch für Birkner ein Argument.

Stattdessen begründete Lindner gespreizt, warum die Ausgangslage in Niedersachsen keinesfalls wie in Rheinland-Pfalz (Ampel), sondern allenfalls wie in Schleswig-Holstein (Jamaika) sei. Und warum seine Kritik am Ausstieg der SPD aus der Großen Koalition überhaupt nicht mit dem Nein der FDP zu einer Ampelkoalition in Hannover zu vergleichen sei.

Dabei bedient er sich nun des gleichen Arguments, das nach der Bundestagswahl auch die Sozialdemokraten für sich benutzten: "Staatspolitische Verantwortung", sagte Lindner, "kann auch bedeuten, in die Opposition zu gehen, damit die Vielfalt der politischen Ideen und Meinungen zum Tragen kommt."

So bleibt die Verantwortung für die FDP in diesen Wochen eben vor allem die Verantwortung der anderen.