Das Unsympathischste am Kommunismus waren schon immer seine frommen Verfechter. Vielleicht haben die Junglinken, die nie das Privileg hatten, in der realsozialistischen Übergangsgesellschaft zu leben, das schon vergessen. Ich nicht. Es gab damals Parteisekretäre, die die reine Lehre gegen jede anderslautende Lebenserfahrung verteidigten; es gab Schuldirektorinnen, die den historischen Materialismus nicht als eine Weltanschauung betrachteten, sondern als letztgültige Wahrheit propagierten; es gab Richter, die jede Marxismuskritik als Sakrileg ahndeten, besonders wenn sie von Marxisten kam.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe an der DDR nicht "gelitten", wie das nachher hieß. Ich lebte in jener heilen Welt der Diktatur, in der es zwar vorkommt, dass ein Familienmitglied wegen staatsfeindlicher Hetze im Arbeitslager landet, aber man selber unbeschadet die Schulzeit übersteht, gesegnet mit menschenfreundlichen Lehrern statt mit Predigern der Doktrin. "Gefälligkeitsdiktatur" nannte der Historiker Götz Aly das Phänomen, dass es einigen mies und vielen kommod geht, anders könnte sich keine Diktatur halten, egal ob eine rechte oder linke.

Typisch links aber war die inquisitorisch gestellte Wahrheitsfrage: Glaubst du an das Heil? An den gesetzmäßigen Sieg des Kommunismus? Wer hier zögerte, war auf dem besten Weg, zum Abweichler erklärt und, mit etwas Pech, weggesperrt zu werden. In den Worten des DDR-Dramatikers Heiner Müller: "Der Vater des Staates ist der Staatsfeind. Der Staat braucht Feinde, damit er der Staat ist." Mich wundert, dass die Neokommunisten unserer Zeit sich davor nicht fürchten. Ob militante Krawall-Linke oder intellektuelle Dutschke-Fans: Fragt man sie, wie sie den Traum von der Gerechtigkeit doch noch verwirklichen wollen, aber diesmal ohne Zwang, ohne Terror, ohne vormundschaftlichen Staat, dann schauen sie so perplex, als hätten sie sich selber diese Frage noch nie gestellt. Als sei ihnen die Freiheit, in der sie leben, wurscht.

Der Kommunismus war ein Menschheitsverbrechen – im Gewand einer Erlösungsutopie. Dass er die Idee der sozialen Gerechtigkeit mit Blut besudelte, das war doch der große Schmerz derer, die sie am meisten ersehnten. Und dann in der Unfreiheit aufwachten. Der Komponist Dmitri Schostakowitsch, der in der Sowjetunion Nacht für Nacht auf gepackten Koffern saß und auf die Geheimpolizei wartete, weil Stalin eines seiner Werke scheußlich gefunden hatte. Der Schriftsteller Franz Fühmann, der kurz vor seinem Krebstod in der DDR schrieb: "Ich habe schreckliche Schmerzen. Der schlimmste ist, gescheitert zu sein, an dem, was wir alle einmal erträumten." Wer heute den alten Traum wahr machen will, der muss von diesen Gescheiterten her denken, von allem, was gegen den Kommunismus spricht. Sonst ist er nur ein weiterer Wahrheitsfanatiker, ein Frömmler und Geschichtsrevisionist.