Im März 1918, wenige Monate nach ihrem Machtstreich, benannten sich die Bolschewiki in "Kommunistische Partei Russlands" um. Das war ein kühner Akt der symbolischen Usurpation: 70 Jahre nachdem Karl Marx und Friedrich Engels das Manifest der Kommunistischen Partei veröffentlicht hatten, reklamierten die Bolschewiki damit einen historisch gewordenen Titel exklusiv für sich, auf den sie bis dahin eher selten oder nie zurückgegriffen hatten. Jetzt erklärte Lenin, ihr Führer und Spiritus Rector, dies sei der "wissenschaftlich einzig richtige" Name der Partei.

Aber was besagte dieser "einzig richtige" Name? Was war dieser "Kommunismus"?

Bei Lenin findet man dazu wenig. In seinem Zukunftsentwurf Staat und Revolution hat er die Höherentwicklung der Gesellschaft in geradezu ätzender Prosaik als soziale Mutation beschrieben: "Marx stellt die Frage des Kommunismus so, wie der Naturforscher die Frage der Entwicklung einer neuen, sagen wir, biologischen Abart stellen würde." Es finde sich bei ihm nicht die Spur eines Versuchs, Utopien zu konstruieren.

Worauf es Lenin ankam, war, den fälligen Entwicklungssprung zu beschleunigen und zu steuern. In diesem Geist hatte er die anarchische Entfesselung sozialer "Elementarkräfte" (die Meutereien der Soldaten, die Landbesetzungen der Bauern, die Fabrikbesetzungen der Arbeiter, die Unabhängigkeitsbestrebungen der Nationalitäten) im Revolutionsjahr 1917 mit kühlem Blick verfolgt und auf den Punkt gewartet, an dem nach der alten monarchischen auch die neue republikanisch-demokratische Ordnung zusammenbrechen würde – um in einer nächtlichen "Stunde null" mit einigen Tausend Bewaffneten die Macht zu erobern und nicht mehr loszulassen.

Der Macht- und Gesellschaftsaufbau, den er und seine Partei in Angriff nahmen, folgte denn auch keinem definierten Ziel, sondern glich einem Marsch in ein geschichtliches Niemandsland, bei dem Lenin, wie er sagte, der napoleonischen Devise "On s’engage et puis on voit" folgte – man stürzt sich in die Schlacht und sieht dann weiter. So gelang es ihm, gerade im Tumult eines verheerenden Bürgerkriegs und mit den Mitteln des sozialen Terrors einen neuen Herrschaftsapparat zu schaffen und eine Rote Arbeiter- und Bauernarmee aufzustellen. In einer Reihe von Feldzügen errichtete diese eine "Union Sozialistischer Sowjetrepubliken", einen Machtstaat neuen Typs auf dem Boden des alten Russländischen Reichs, während die anderen östlichen Vielvölkerreiche wie das habsburgische oder osmanische im Weltkrieg zerfielen und von den Siegermächten aufgeteilt wurden.

Vor allem diese historische Tat erklärt, warum Lenin und seine "kommunistische" Partei die passive Loyalität eines Teils der ländlichen und städtischen Bevölkerungen gewannen. Sie erklärt aber nicht, wie das neue Machtzentrum Moskau zum Nukleus einer bolschewistischen "Weltpartei" und schließlich sogar eines "sozialistischen Weltlagers" werden konnte, das 1949 schon von der Elbe bis zum Jangtse reichte und bis 1980 ein Drittel der Weltbevölkerung in 22 (allerdings vielfach verfeindeten) "Volksrepubliken" umfasste.

Anders als die geläufige Interpretation es will, schöpfte der Kommunismus dabei nur zu geringem Teil aus seinem Pathos der Brüderlichkeit oder seinen berauschenden Fortschrittsprospekten. Fast möchte man mit Marx sagen: Es kommt darauf an, diesen phantomhaften "Weltkommunismus" vom Kopf auf die Füße zu stellen, um der realen, materiellen Logik seines historischen Momentums auf die Schliche zu kommen.

Tatsächlich waren es erst die Katastrophen des Weltkriegszeitalters, die Krisen des europäischen Imperialismus und die Konvulsionen eines sich global durchsetzenden Kapitalismus, die den kommunistischen Kampfbewegungen die Waffen, die Argumente und die moralische Kraft lieferten. Nur sehr partiell waren sie an der Formierung wirksamer Klassenbewegungen oder programmatischer Antithesen zur bürgerlichen Gesellschaft beteiligt. Und dort, wo Kommunisten an die Macht kamen, haben sie kaum je attraktive soziale, ökonomische oder kulturelle Innovationen hervorgebracht – trotz des Zustroms intellektueller und künstlerischer Potenzen in den ersten Jahrzehnten.

Nüchtern betrachtet, lagen die dauerhaftesten Resultate des Kommunismus auf dem Gebiet des Nation-Building, der Herausbildung neuer Staaten oder der Wiederaufrichtung alter Reiche im Zuge der Zerschlagung der westlichen Hegemonial- und Kolonialsysteme. Wo immer sie einen legitimen Widerstand gegen eine imperialistische Einmischung, eine koloniale Unterjochung oder eine faschistische Okkupation organisierten, entfalteten die kommunistischen Parteien unerhörte Kräfte – oft allerdings mit fragwürdigen oder instabilen Resultaten (wie in Jugoslawien) und um den Preis einer horrenden sektiererischen Gewalt und sozialkulturellen Selbstzerstörung (wie in Russland, in China oder Vietnam).

Historischen Sinn haben die Kommunisten darin bewiesen, dass sie zwar stets mit einem geeinten konterrevolutionären "Weltimperialismus" rechneten – aber auch damit, dass die Konflikte zwischen ihren Gegnern sich bis zu einem zweiten Weltkrieg steigern könnten. Das hat der Sowjetunion ermöglicht, im Spiel der Mächte mitzuspielen und die tatsächlichen oder angenommenen Spaltungen der anderen auszunutzen. Noch die eklatantesten Irrtümer – wie die Unterschätzung des Nationalsozialismus und der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 – haben Stalin letztlich in die Hände gespielt.