Die Stadt ist riesig und erschütternd schön. Man wandert Stunde um Stunde. Man schaut Paläste, Kathedralen, Dichterstätten und erreicht den gewaltigen Newa-Strom. Am Ufer reitet der Gründer, von dem St. Petersburg den Namen hat, auch wenn es von 1924 bis 1991 nach einem anderen Zaren hieß.

Jedem DDR-Geprägten ist Leningrad vertraut – nicht persönlich, sondern als heilige Stadt des roten Oktobers, der Menschheitserlösung durch den Heiland Lenin. Man lernte: Die Februarrevolution 1917 stürzte den Zaren, versackte jedoch in bürgerlicher Demokratie. Die provisorische Regierung Kerenski kungelte mit den Mächten von gestern. Das Volk hungerte weiter und verblutete im Krieg. Einzige Hoffnung: die Bolschewiki! Lenin verließ sein Schweizer Exil und rüstete zum Aufstand. Am 25. Oktober (dem 7. November nach gregorianischem Kalender) besetzten die Bolschewiki die Bahnhöfe, die Banken, das Telegrafenamt. Punkt 21 Uhr böllerte der Kreuzer Aurora sein welthistorisches Signal. Es nahte, tausendfach, das revolutionäre Subjekt. Das Volk erstürmte das Winterpalais und vertrieb Kerenskis Pack. Im Smolny-Institut, seinem Hauptquartier, erließ Lenin unverzüglich zwei Dekrete: Über den Frieden und Über den Boden. Die Zukunft begann.

2017 liegt die Aurora immer noch am Newa-Kai, umlagert von Touristen (Eintritt 600 Rubel, etwa 8,50 Euro). Lenin bronzt unbeirrt vor dem Smolny und predigt den Blumenrabatten. Den berühmten Gewölbeflur, 220 Meter lang, flankieren Russlands gewesene Minister in Öl, auch die frühsowjetischen Volkskommissare. Trotzki hängt vis-à-vis dem Fürsten Tolstoi. Man sieht Lenins karges Arbeitszimmer, das Jäckchen und die Puppenstiefel des großen Mannes und den Verschlag, in dem er und Gattin Nadjeschda Krupskaja auf getrennten Eisenbetten schliefen.

Der Massensturm auf das Winterpalais geschah freilich erst 1927: bei den Dreharbeiten zu Sergej Eisensteins Propagandafilm Oktober, einem Auftragswerk zwecks ideologiegerechter Ikonisierung der Revolution. Eisensteins dramatische Bilder ersetzten die tatsächliche Geschichte. Lenin gelang ein Putsch. Er kippte nicht nur Kerenskis Regierung, sondern zugleich den 2. Allrussischen Sowjetkongress, in dem Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Mehrheit besaßen. Er führte zum Bürgerkrieg. Dem weltkriegsgeborenen Sowjet-Kommunismus war die Gewaltherrschaft von Anbeginn eingezeugt.

Endlich stürmt auch der Reporter zum Winterpalais. Auf dem Schlossplatz Menschengewimmel, Musik. Ein Fest? Jawohl, die Rote Armee ist soeben eingezogen, historisch uniformiert. Blech bläst schmissige Weisen, Soldaten tanzen zum Akkordeon. Fröhliches Volk umringt die Besieger der Faschisten, klatscht und singt: Ja ljublju tebja, towarischtsch starschina ... Junge Paare knipsen sich vor Geschützen, Zopfmädchen posieren mit Zuckerwatte und Kommissar vor Panzersperren. Gefeiert wird, alle Jahre wieder, das Ende der deutschen Blockade.

Nahezu eine Million Menschen verhungerten von 1941 bis 1944 in Leningrad. 871 Tage wurde es von der Wehrmacht abgeriegelt. Hitler hatte verfügt, es bestehe "keinerlei Interesse an dem Fortbestand dieser Großsiedlung". Diese Geschichte lässt sich lesen, etwa in Lidia Ginsburgs Aufzeichnungen eines Blockademenschen. Und besuchen, im Blockade-Museum, wo die Heroik mit der Hölle ringt, und auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof im Nordosten der Stadt. Dort liegen Hunderttausende in Massengräbern, behütet von Mutter Heimat.

Das unermessliche Grauen des deutschen Kriegs in der Sowjetunion ist vielen Ostlern bewusster als ihren Landsleuten im Westen, wo man bisweilen gar Leningrad und Stalingrad verwechselt. Überall in Ostdeutschland gibt es Grabstätten der Roten Armee. Wir haben ein dauerhaft schlechtes Gewissen erworben. Wir wittern, wenn "der Westen" Russland dämonisiert, die Revitalisierung des Kalten Kriegs oder noch älterer Fronten. Falls möglich, nehmen wir Russland in Schutz – falls unmöglich, manchmal auch.

Aber wer ist Russland?