Ein Märchen aus Backstein

Der Eurasische Kranich, Grus grus, ist ein Wandervogel. Die Tiere pendeln zwischen Skandinavien und Nordafrika, so richtig zu Hause sind sie nirgends, überall ständig bloß zu Gast. Und auch wenn man hoffen möchte, dass das Kranich-Hotel im vorpommerschen Hessenburg lange bleiben wird, es wirkt in seiner Umgebung doch ebenso exotisch, zugereist und außerordentlich wie der Vogel, nach dem es benannt ist, eigenartig ephemer, als gehöre es nicht so recht an seinen Ort.

In einem winzigen Dorf, umgeben von weiten Ackerlandschaften und unter großem Ostseehimmel, steht ein Gutshaus aus dem 19. Jahrhundert, so seltsam klar geschnitten und schmucklos in seiner Backsteinfassade, dass es ein wenig ausschaut wie eine Zeichnung, in der noch die Details fehlen. Im Erdgeschoss des Gutshauses befinden sich sechs elegante Hotelzimmer, im Obergeschoss gibt es ein Museum mit zeitgenössischer Kunst – Videoarbeiten, Plastiken, Installationen. Was hat so ein Haus auf dem platten Land verloren?

Das Kranich-Hotel gehört der Kunsthistorikerin Bettina Klein, die nach zwanzig Jahren Arbeit in Japan über ein paar biografische Zufälle in den Besitz des alten Gutshauses in Hessenburg kam. Das Gebäude war in derart ruinösem Zustand, dass es beinahe komplett entkernt werden musste. Klein eröffnete in einem Nebengebäude, der alten Schmiede, ein Restaurant, aus dem inzwischen ein wunderbares Café geworden ist, und puzzelte unterdessen mit wenig Geld, viel Geduld und großem Einfallsreichtum jahrelang am Gutshaus herum. Bis endlich die Idee zu dieser eigenartigen Doppelnutzung geboren wurde, die für die Gäste bedeutet, dass sie in den seltenen Genuss einer Übernachtung im Museum kommen. In Berlin begegnete Klein dem amerikanischen Künstler und Architekten Alex Schweder, der die Innenräume gestaltete und ihr die Kuratorin Khadija Zinnenburg-Carroll vorstellte, die für das Museumsprojekt weitere Künstler gewinnen konnte. Alle Arbeiten entstanden speziell für das Gutshaus und befassen sich mit demselben Thema – dem Kranich, der im Spätsommer und Herbst durch diese vorpommersche Landschaft zieht und in Japan ein Symbol des Glücks und der Langlebigkeit ist.

Es gibt Hotels, in denen man schon bei der Ankunft anfängt traurig zu sein darüber, dass man irgendwann auch wieder gehen muss. Das Kranich-Hotel ist so eines, man fühlt sich unheimlich geborgen dort, privat, ungestört. Am besten kommt man also möglichst früh. Obwohl auch die späte Ankunft ihren Reiz hat: Dann liegt das Gutshaus still in Dämmerung und Dunst, der Eingang ist verschlossen, man kommt nur mit einem Code hinein. Im leeren Vorraum beschleichen einen Zweifel, ist man hier richtig? Rechts die Treppe hoch geht es zum Museum, aber neben einer Tür gegenüber dann doch ein dezentes Schild: "Hotel". Auf dem matt beleuchteten Flur fühlt man sich beinahe wie ein Eindringling – und, ist endlich das eigene Zimmer aufgesperrt, wie im Märchen, wo im verlassenen Schloss hinter einer Tür ein herrlich einladender, großzügiger, warmer Raum wartet.

Das Kranich-Hotel lebt von Gegensätzen. Der Architekt Schweder hat das entkernte Gebäude im Grunde kaum berührt, die Backsteinwände sind unverputzt geblieben, die hell gebeizten Holzdielen liegen fast wie Paletten auf dem rohen Boden. Dieser kalt anmutende Rahmen wird kontrastiert durch die alten Möbel, die Bettina Klein über die Jahre mit großer Stilsicherheit im Umland zusammengekauft hat, schwere Schränke, alte Sekretäre, Messingstandlampen. Die riesigen Holzbettrahmen sind leicht in den Boden eingelassen, es liegen Federdecken drauf: großzügige weiße Nester. Jedes Zimmer hat einen gusseisernen Ofen, der abends für die Gäste mit Holz beheizt wird, und ein riesiges Badezimmer mit frei stehender Badewanne, die in Windeseile mit dampfendem Wasser gefüllt ist. Morgens klopft es an die Tür, denn zur gewünschten Zeit wird einem das Frühstück aufs Zimmer gebracht. Durch die Vorhänge sieht man den halb verwilderten Garten und Park hinter dem Gutshaus. Es ist unerhört still.

Bettina Klein, der man oft im Museum im Obergeschoss begegnen kann, weil sie auch selbst in einem Häuschen auf dem Gelände wohnt, hat nie Werbung für ihr Hotel gemacht. Das Haus lebt von Empfehlungen und davon, dass die Gäste sehr oft zurückkehren. Man liegt hier ohne Absicht sehr lange im Bett herum, geht im Park spazieren, der Wind rauscht in den Bäumen, der Blick geht über die Felder. Disziplinierte machen vielleicht einen kleinen Tagesausflug, auch wenn die Stühle im Garten doch sehr zum Verweilen einladen und man zum Essen auch nicht fortmuss. Im Café mit seinen gemütlichen Fünfziger-Jahre-Sesseln gibt es Zucchini-Minz-Suppe, Kartoffelwaffeln mit Lachs, Quiches, Salate. Einfach, aber frisch und gut. Und dann zum Kaffee eine sensationelle Stachelbeer-Baiser-Torte. Den Tag über geschieht im Grunde nichts, und doch neigt er sich plötzlich schon dem Ende zu. Man schaut noch einmal in den Westen, in die große, brennende Dämmerung, da kommt ein Krächzen aus den Lüften, und dann sieht man sie tatsächlich: die Kraniche, die ziehen.

Kranich-Hotel
Dorfplatz 2–5, 18317 Hessenburg/Saal, Tel. 038223/66 99 00, kranichhotel.de, DZ ab 80 €