Der Mann, der sein Gelübde endlich einlösen will, ist kein Fanatiker, sondern Geologe. 25 Jahre lang war Daniel Hartmann oberster Grundwasserschützer der Schweiz. Beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat er unzählige Sitzungsstunden verbracht und "a ne Wand ane gschnorred", wie er sagt. Besonders hart sei seine Arbeit gewesen, wenn die mächtige Bauernlobby mit am Tisch saß. "Da musste ich den Helm anziehen, das Sturmgewehr schultern, das war, als ob ich in den Krieg ziehen würde", sagt er. 2014 hat Hartmann kapituliert, ohne sein Lebensziel erreicht zu haben: Er wollte verbieten, dass man in der Schweiz in unmittelbarer Nähe von Trinkwasserfassungen Gifte ausbringen darf. Pestizide zum Beispiel. Das Gewässerschutzgesetz definiert zwar schon lange Schutzzonen, in denen weder Gülle geführt, noch Obstgärten, Weinberge oder Gemüsekulturen mit Pflanzschutzmitteln gespritzt werden dürfen. "Getan wird es trotzdem, da es kaum zu kontrollieren ist", sagt Hartmann. "Das ist schlicht kriminell. Gerade so, als ob man mit 120 Stundenkilometern durch die Fußgängerzone rasen würde. Es muss nicht übel enden – aber es kann."

Wenn Daniel Hartmann von seinem beruflichen Frust erzählt, der ihn frühzeitig in die Pension gehen ließ, dann klingt er überhaupt nicht resigniert.

Im Gegenteil: Er strotzt vor Begeisterung, Freude, Kampfeslust.

Schuld daran ist Franziska Herren. Die Fitnesstrainerin aus Wiedlisbach bei Solothurn hat die Volksinitiative "Sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung" lanciert, welche die Schweizer Landwirtschaft radikal umbauen will. Kommt das Anliegen durch, erhalten künftig nur noch jene Landwirte staatliche Subventionen, die keine Pestizide einsetzen; die für jedes Tier im Stall das Futter auf dem eigenen Feld herstellen und die nicht länger prophylaktisch Antibiotika einsetzen, so wie dies laut Initianten in der Schweiz trotz Verbot noch immer gemacht wird.

"Im Grunde wollen wir nichts Neues, sondern die ökologische Landwirtschaft, die uns die Politik seit Jahren verspricht, endlich umsetzen", sagt Herren. Eine Landwirtschaft, die gesunde Lebensmittel produziert und das Trinkwasser sauber hält.

Ihr Aha-Erlebnis liegt ein paar Jahre zurück. Herren erzählt, wie sie einmal auf einer Weide eine Kuh sah, der man das frisch geborene Kalb weggenommen hatte, damit diese wieder als Milchkuh eingesetzt werden konnte. "Sie hat gebrüllt und war offensichtlich traurig über den Verlust ihres Kindes", sagt Herren. Das habe sie dazu bewogen, sich erst mit der Milch-, dann mit der hochindustrialisierten Landwirtschaft in der Schweiz zu beschäftigen. Mit Gesetzen, Stallgrößen, Hühnern pro Quadratmetern, mit Futtermittelfirmen und Saatgutlieferanten. "Es war ein radikales Umdenken", sagt sie, "weg vom Bild des friedlich gackernden Huhns auf dem Misthaufen, das uns die Werbung vorgaukelt, hin zu einer Überzeugung, dass Fleisch kein Nahrungs-, sondern ein Genussmittel ist."

Diese persönliche Auseinandersetzung habe sie dazu bewogen, ihre politischen Rechte zu nutzen, die Initiative zu ergreifen. Nun ist sie drauf und daran, eine kleine Agrar-Revolution anzuzetteln.

Obwohl noch keine Partei hinter dem Anliegen steht und die großen Umweltorganisationen wie Pro Natura und Greenpeace erst kürzlich ihre Unterstützung zugesagt haben, fliegen Herren, Hartmann und Co. die Sympathien aus dem Volk nur so zu. Seit Ende März haben sie 89.000 Unterschriften gesammelt, die restlichen 11.000 wollen sie bis Ende des Jahres zusammenhaben. Daniel Hartmann sagt: "Ich bin erstaunt, wie viel Vorwissen die Menschen haben und wie groß ihr Bewusstsein ist, dass wir Sorge zum Wasser tragen müssen. Der alte Spruch 'Fließt das Wasser über sieben Stein, ist es wieder rein' ist passé."

Die ökologisch sensibilisierte Bevölkerung ist begeistert. Doch was ist mit jenen, die die Trinkwasserinitiative umsetzen müssten? Die Milch- und Gemüsebauer, Rinderzüchter, Schweinemäster, Obstproduzenten? Und was mit den Weinbauern, deren Reben häufiger als jede andere Kulturpflanze gespritzt werden, weil sie höchst anfällig für Pilzerkrankungen sind?

Ligerz am Bielersee. Znüni-Pause im Rebberg von Remo Giauque. Es gibt Brot, Tee und einen Becher Weißwein. Zwölf Leute helfen heute auf dem drei Hektar großen Weingut bei der Traubenernte. Unter ihnen ein Lehrer, eine ehemalige Weinbäuerin, ein Musiker, eine russische Hippie-Frau und der Hemden-Schneider des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt. Es ist lustig, viele kennen sich seit Langem, manche nehmen eigens Ferien, um dabei zu sein. Aus Tradition, aus Freude am Ernten oder am Wein, der aus den Chasselas-Trauben gekeltert wird, vielleicht auch wegen des Geldes. Noch ein Schluck, dann wird wieder gearbeitet, jeder auf seinem Posten. Trauben schneiden, die schlechten Beeren herauszupfen, die guten in die gelbe Kiste. 13 Kilo, dann ist sie voll. Der Träger hievt sie auf das Raupenfahrzeug, drei Reihen hoch, dann: Runterfahren, umladen in den Lastwagen und von dort nach Ligerz ins Oberdorf auf den Hof.

Remo Giauque führt den Betrieb in vierter Generation. Nun sitzt er an einem langen gedeckten Tisch. Um halb eins kommen die Erntehelfer zum Mittagessen, es gibt Bernerplatte. Er schenkt noch ein Glas Wein ein, nimmt sein Smartphone, gibt "Mehltau und Reben" ein und zeigt Bilder: Traubenblätter mit rostbraunen Flecken. Ganze Rebstöcke verdorrt. Verkümmerte Früchte, aufgeplatzt, mit grauem Flaum überzogen. "So sähen unsere Trauben aus, wenn ich nicht mehr spritzen dürfte", sagt er, "Alles würde kaputtgehen. In zwei Jahren wären wir tot."