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Wissen Sie, wo die Alphabetisierungsrate in der Türkei am höchsten ist? In Silivri. Denn dort liegt das größte Gefängnis der Türkei, und es ist voller Schriftsteller, Journalisten, Wissenschaftler, Intellektueller. Es gibt dort eine recht umfangreiche Gefängnisbibliothek, die stetig weiterwächst, da jeder einsitzende Autor seinen Verlag um Bücherspenden bittet oder bei der Entlassung seine Bücher der Bibliothek stiftet. Als ich dort einsaß, entdeckte ich erfreut auch vier meiner Bücher im Katalog. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen als "Straftäter" hinter Gittern und Ihre Bücher sollen dort zur "Besserung der Straftäter" dienen! Noch ein Stück schwarzen Humors in dieser Sache: Einmal bat ein Häftling um ein Buch, die Antwort des Bibliothekars lautete: "Das Buch haben wir nicht, aber sein Autor ist da."

Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, sorgte letzte Woche mit seiner Eröffnungsansprache zur Frankfurter Buchmesse für Applaus für Aslı Erdoğan, die, aus der Haft entlassen, zur Messe gekommen war, und den Verleger Ragıp Zarakolu, in dessen Verlag Belge die Polizei vor fünf Monaten bei einer Razzia 2.000 Bücher beschlagnahmt hatte. Anschließend appellierte er an Merkel, die mit Macron in der ersten Reihe saß, Meinungs- und Pressefreiheit nicht zum Verhandlungsgegenstand zu machen. Nach ihm sprach die Kanzlerin und verwies auf die Bedeutung des Einsatzes für Meinungsfreiheit, die zwar in Europa selbstverständlich sei, aber nicht in anderen Teilen der Welt.

Der Raif Badawi Award for courageous journalists ging auf der Messe in diesem Jahr an den seit zehn Monaten in Silivri inhaftierten Cumhuriyet-Korrespondenten Ahmet Şık. In seiner Danksagung erklärte Şık, die Wahrheit und jene, die sie aussprächen, würden zu Feinden erklärt, man versuche, sie zu vernichten.

Für Freiheiten, wie sie in Deutschland erworbenes Recht sind, an das man gewöhnt ist, kämpfen Schriftsteller und Journalisten in der Türkei um den Preis ihres Lebens. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass es allen Repressionen zum Trotz nicht gelingt, die Stimme der Wahrheit zum Schweigen zu bringen.

Bei seiner Ansprache zur Eröffnung des akademischen Jahres hatte Erdoğan im vergangenen Monat geklagt, in den 14 Jahren an der Macht habe seine Partei "enorme Reformen auf allen Gebieten durchgesetzt, nur in zwei Bereichen bisher ohne Erfolg: Bildung und Kultur".

Diese beiden Bereiche, die intellektuellen Verstand erfordern, wehren sich gegen die Hegemonie der AKP. Ebendarum bekamen Autoren aus der Türkei auf der Frankfurter Buchmesse Applaus, aus demselben Grund aber auch ist die Haftanstalt Silivri übervoll mit Journalisten und Schriftstellern.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe