"Ich schreie. Niemand kommt. Er lässt los"

Ein Abend in Berlin, ich laufe die Stufen zur S-Bahn hinunter. Auf der Ebene zwischen Ausgang und Bahnsteig kommt mir ein Mann entgegen, mir fallen die geröteten Augen auf, dann habe ich ihn schon wieder vergessen. Ich denke an die Choreografie, die wir vorhin beim Tanzen einstudiert haben, plötzlich werde ich von hinten umarmt. Jemand aus der Tanzschule?

"Hey!", rufe ich. Es kommt keine Antwort.

Es ist der Mann von vorhin, er umklammert mich. Ein fremder Körper an meinem Körper, er drückt sich an mich.

"Was soll das?! Lass mich los!"

Von unten höre ich die Stimmen fremder Leute vom Bahnsteig hochhallen. Doch hier auf der Zwischenebene ist niemand. Nur er.

Er beginnt, sein Becken zu bewegen, stoßend. Will der mich etwa vergewaltigen? Hier, in einer S-Bahn-Station? Ich versuche, mich loszureißen, doch er ist stärker als ich. Gerangel. Gekeuche. Irgendjemand muss uns doch hören und diesen besoffenen, stummen Mann von meinem Leib reißen.

Ich öffne meinen Mund und schreie. Ich schreie so laut, dass das Echo durch die Station hallt.

Niemand kommt.

Er lässt los. Ich renne nach unten.

Schade, dass ich der Polizei damals nicht mehr über ihn sagen konnte.

Schade, dass ich der Polizei nicht mehr über dich sagen konnte. Arschloch.

#MeToo

Von Khuê Pham