Manchmal, wenn Mike Singer vor einem Konzert zum Proben auf der Bühne steht, hat er das Gefühl, dass der Boden unter seinen Füßen wackelt. Das liegt nicht an den lauten Bässen, die aus den Boxen dröhnen, sondern daran, dass Mike gerade die meiste Zeit in einem Bus verbringt, der ihn ordentlich durchschüttelt. Und dieses Wackelgefühl nimmt Mike mit auf die Bühne.

Der 17-jährige Sänger ist seit Anfang Oktober auf Tour. In 19 Städten gibt er Konzerte und fährt dafür mit einem Bus durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Abends nach dem Auftritt steigen Mike, seine Musiker und Helfer in den Bus, und wenn sie am nächsten Morgen aufwachen, sind sie vor der Halle, in der sie abends auftreten werden. Der schwarz-orangefarbene Bus, auf dem in großen weißen Buchstaben "Mike Singer" steht, ist während der vier Wochen ihr Zuhause.

An diesem Freitagmorgen parkt er hinter einem Konzerthaus in Bremen. Es ist ein verregneter Tag, trotzdem sind schon Fans da, die sich vor dem Eingang zur Halle drängeln. Sie hoffen, durch die Glastür einen Blick auf Mike zu erhaschen. Der aber sitzt noch in seinem rollenden Zuhause. Unten im Doppeldeckerbus ist gleich hinter der Eingangstür eine kleine Küche mit Teekocher und Sandwichmaker, daneben stehen zwei Sofas, in der Wand ein Fernseher und eine Musikanlage.

"Wir können uns ja gleich mal umschauen", sagt Mike und läuft die schmale Treppe nach oben, vorbei an einer weiteren Couchecke, in der ein Mann mit Bart sitzt und an einem Laptop arbeitet. Es ist Phil, der DJ, der gerade an neuen Songs bastelt. Hören darf man sie nicht, "alles noch ein bisschen geheim", sagt Mike.

Er zieht den Kopf ein, weil die Decke hier oben niedrig ist, und spricht leise, als er an den 14 schmalen Stockbetten vorbeigeht. Vor jedem Bett ist ein grauer Vorhang, einer ist zugezogen, dahinter schläft einer der beiden Busfahrer. Er muss schließlich nachts fit sein, um Mike und sein Team durch die Gegend zu kutschieren.

Jeder im Team hat sein festes Bett, Mike schläft ganz vorne unten. "Da muss ich nicht noch groß rumklettern, wenn ich müde bin", sagt er. Die Betten sehen bei allen gleich aus: graues Bettzeug, keine Kuscheltiere, keine Fotos an den Wänden. Alles wirkt sehr aufgeräumt. Die Matratzen sind kaum breiter als eine Isomatte, ordentlich liegen die Kissen und Decken darauf. Die Kleidung ist in Koffern unter den Betten verstaut und auf den drei Betten, die nicht belegt sind, in einem Regalfach stapeln sich bunte Turnschuhe. Wenn elf Menschen einen Monat lang zusammen unterwegs sind, müssen sie wohl sehr darauf achten, dass nicht das Chaos ausbricht.

Ganz vorn im Bus ist Mikes Lieblingsplatz. Durch die große Scheibe kann er nach draußen sehen, davor stehen zwei braune Ledersessel. Mike lässt sich in einen fallen, klappt die Lehne zurück und lächelt entspannt. "Wir sitzen hier oft nachts, wenn wir fahren, und gucken einfach so auf die Straße", erzählt er. "Das ist megaschön."

Mit "wir" meint Mike sich und seinen Manager Ossama. Seit zwei Jahren arbeiten die beiden zusammen. Ossama ist so etwas wie eine Mischung aus großem Bruder und Oberplaner geworden. Er achtet darauf, dass Mike einen warmen Pulli anzieht, und weckt ihn morgens. Er überlegt auch, wie Mikes Auftritte aussehen sollen. Im Moment geht es so los: Erst ist da ein schwarzer Vorhang, dahinter ertönt Mikes Stimme, grünes Licht leuchtet. Dann fällt der Vorhang und gibt den Blick auf Mike frei. Die Fans schreien, ohrenbetäubend laut.

Wenn Mike nach einem Auftritt in den Bus klettert, rufen die Fans immer noch "Wir wollen Mike!". "Du gehst schlafen und hörst das Geschrei vom Konzert, dann stehst du morgens auf und hörst es wieder", sagt Mike. Denn am nächsten Ort warten die nächsten Fans. "Das ist ein krasses Gefühl."

Manche finden, Mike sei der deutsche Justin Bieber. Beide haben zunächst Lieder nachgesungen und bei YouTube eingestellt, beide werden besonders von Mädchen angehimmelt, und beide sind inzwischen Profis, die mit ihrer Musik Erfolg haben. Mikes Album Karma schaffte es auf Platz eins der deutschen Albumcharts, 1,3 Millionen Fans folgen ihm auf Instagram, 350.000 auf Facebook. Er hat gleich mehrere Fanclubs, die "Mikinators" zum Beispiel und das "Team Singer".

Viele seiner Fans trifft er in diesem Monat, jeden Tag nimmt er sich nach dem Konzert zwei Stunden Zeit für sie. Er umarmt Hunderte Mädchen, und wer ein besonderes Ticket gekauft hat, der darf Mike persönlich eine Blume oder ein Stofftier überreichen. An einem Abend können locker 200 Geschenke zusammenkommen. Die meisten landen in einem der schmalen Regale im Bus oder im riesigen Kofferraum.

Als Popstar auf Tour zu sein klingt aufregend: jeden Tag eine andere Stadt, immer neue Menschen, die einem zujubeln. Das stimmt auch – und gleichzeitig sind die Tage bei so einer Tour ziemlich gleich. Morgens um acht Uhr weckt Manager Ossama Mike, dann sitzt er im Bus herum, bis er richtig wach ist, trinkt Tee und isst vielleicht ein Käsesandwich. Irgendwann geht es in die Konzerthalle, duschen, umziehen, proben. Dann wieder in den Bus, bis die Show beginnt. "Die meiste Zeit auf Tour ist eigentlich Warten", sagt Mike.

Trotzdem gefalle ihm das Leben im Wackelbus, "nur meine Familie und meine Freunde vermisse ich schon sehr", erzählt er. Am meisten seinen kleinen Bruder Davin. Zum Glück hat der bald schulfrei und fährt ein paar Tage im Bus mit.

Jetzt schaltet sich aber erst einmal der Ersatzbruder ein. Ossama ermahnt Mike, er müsse dringend Mittag essen. In einer halben Stunde sei schon Probe. Bodyguard Freddy geht an der Bustür in Position. Als die sich öffnet, hält er Mike kurz fest, schaut nach rechts und links und sagt: "Okay!"

Mike Singer zieht sich die schwarze Kapuze seines Pullovers über den Kopf und läuft schnell hinüber zur Halle, vorbei an den Fans, die sich hinter der Absperrung drängen und seinen Namen rufen. Heute Abend wird er sich viel Zeit für sie nehmen, jetzt hat er aber erst einmal Hunger.