Die Integration der Muslime macht deutliche Fortschritte. Die große Mehrheit der Migranten aus der Türkei, Nordafrika und anderen Ländern ist längst hierzulande angekommen; sie haben sich Existenzen aufgebaut, Familien gegründet, Arbeitsplätze geschaffen. Eine aktuelle Studie aus dem Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung, den ich verantworte, zeigt: Hier geborene Muslime lernen größtenteils die Landessprache als erste Sprache, sie sind deutlich besser gebildet als ihre Eltern, und auch beruflich stehen sie besser da als noch die selbst eingewanderten Muslime. Die Mehrheit der Muslime hat gute Kontakte zu Einheimischen und fühlt sich mit Deutschland eng verbunden. Der Trend ist eindeutig: Die Integration der muslimischen Einwanderer schreitet mit jeder Generation voran. Wie schnell dieser Prozess vonstatten geht, hängt neben dem Willen der Eingewanderten maßgeblich von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie dem Bildungssystem und der Arbeitsmarktpolitik ab. Ist der Islam integrierbar?

Es ist paradox: Trotz der positiven Integrationsbilanz halten sich Vorbehalte gegenüber Muslimen hartnäckig. Die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland wird sogar schärfer debattiert, je mehr Musliminnen und Muslime als ganz normale, gut situierte Bürger in allen Gesellschaftsbereichen sichtbar werden: indem sie etwa repräsentative Moscheen bauen, als Spitzenpolitiker das Wort ergreifen oder als Lehrerin mit Kopftuch ihren Dienst antreten wollen.

Je mehr Muslime an der Gesellschaft partizipieren, umso stärker werden sie auch mit ihren religiösen und kulturellen Bedürfnissen und Ausdrucksformen sichtbar. Das löst in der Bevölkerung Unbehagen aus, weil damit Fragen nach unserem Zusammenleben aufgeworfen werden, die längst geklärt schienen. Was bedeutet das Kopftuch für die Stellung der Frau? Wie wirkt sich die Verweigerung eines Händedrucks auf das gesellschaftliche Zusammenleben aus? Ist die Sichtbarkeit religiöser Symbole in der Öffentlichkeit vereinbar mit unserem Verständnis vom säkularen Staat? Tatsächlich markiert die Religiosität der Muslime eine Differenz, das belegt auch die Studie der Bertelsmann Stiftung. Vielen Muslimen ist ihre Religion wichtig, und sie sind im Durchschnitt frommer als andere Religionsangehörige. Zudem spielen alltagspraktische Regeln im Islam – wie im Judentum – eine größere Rolle als im Christentum, das macht muslimische Religiosität sichtbarer und wirft Fragen nach dem Umgang mit Regeln auf, die für gläubige Muslime wichtig sind (Fasten im Ramadan, Pflichtgebet, Verzicht auf Schweinefleisch und Alkohol et cetera).

Zugestehen müssen wir uns bei alledem: In einer Gesellschaft, die zunehmend von weltanschaulicher und kultureller Pluralisierung geprägt ist, sind Wertekonflikte unumgänglich. Es ist auch normal, dass gesellschaftliche Veränderungen bei einigen Unsicherheit und Ängste hervorrufen. Und natürlich beschädigen tödliche Terroranschläge, vorgeblich im Namen des Islams, den Ruf dieser Religion. Muslime – ebenso wie Vertreter anderer Religionsgemeinschaften – müssen kritische Fragen aushalten und sich mit problematischen Aspekten der eigenen Tradition auseinandersetzen. Dazu gehört (religionsübergreifend) sicherlich die Rolle, die den Frauen zugewiesen wird.

Es geht deswegen auch nicht darum, alle religiösen Haltungen und Handlungen gutzuheißen. Aber wenn wir uns dafür entscheiden, dass religiöse Diversität nicht etwas zu Vermeidendes ist, sondern eine Bereicherung, dann braucht es die Bereitschaft, Unterschiede anzuerkennen und sich auf das vermeintlich Fremde einzulassen. Oft lösen sich Vorbehalte dann auf, und es werden Menschen sichtbar mit Haltungen, die Respekt verdienen.

Die Soziologin und Islamwissenschaftlerin Yasemin El-Menouar © krinke-fotografie

Derzeit werden Fragen um die zunehmende religiöse Vielfalt aber vor allem genutzt, um gegen Muslime zu mobilisieren. Zudem haben viele, die Vorbehalte und Sorgen äußern, nicht mit Musliminnen und Muslimen selbst gesprochen und können sich kaum ein Bild davon machen, was sie wirklich denken und welche Wertevorstellungen sie vertreten. Genau das wäre aber die Aufgabe in einem Land, das in den letzten Jahrzehnten nicht nur in religiöser Hinsicht vielfältiger geworden ist. Ein Gesellschaftsverständnis, das die Anpassung an das, was vermeintlich immer schon existierte, zum Maßstab für ein gelingendes Miteinander nimmt, ignoriert diesen Wandel. Stattdessen müssten wir uns mehr füreinander interessieren, genauer nachfragen, um dann miteinander zu klären, worauf es wirklich ankommt, um friedlich zusammenzuleben.

Daran sollte sich auch orientieren, was wir unter gelingender Integration verstehen. Einwanderer müssen sich zwar anpassen, und das tun sie auch; gleichzeitig prägen aber auch sie ihre neue Heimat und verändern sie. Die Debatte um die deutsche Leitkultur ist ein Beispiel für den Versuch, dies zu unterbinden. Hier wird versucht, kulturelle Gepflogenheiten zu zementieren – meist mit Rekurs auf Grundwerte wie Freiheit und Gleichberechtigung. Aber genauso wenig, wie das Kopftuch per se ein Symbol der Unfreiheit ist, funktionieren Minirock und Bikini als Symbole der Freiheit. Der Versuch, eine solche Kleiderordnung durchzusetzen und damit eine Kultur zur Norm zu erklären, beschneidet Freiheiten, wie das Burkini-Verbot und die "Religionspolizei" an den Stränden von Nizza zeigen. So befördert man Ausgrenzung und bereitet einer Radikalisierung den Boden, die man ja gerade verhindern will.

Religionsfreiheit ist in Deutschland ein Grundrecht. Sie schließt das Recht ein, sein Verhalten an den Lehren des eigenen Glaubens auszurichten – natürlich im Rahmen der Verfassung und solange die Freiheit anderer davon nicht berührt ist.

Was das genau bedeutet, dafür bedarf es zweifellos einer intensiven öffentlichen Auseinandersetzung, die jedoch so lange bei einem Austausch unverrückbarer Positionen verharrt, wie die Bereitschaft, einander zu begegnen und mehr voneinander zu erfahren, ausbleibt. Deswegen gilt es, Gelegenheiten für eine solche Begegnung und den Umgang mit Vielfalt zu schaffen. Dazu können Medien und Politik ebenso beitragen wie Bildungsinstitutionen, die Zivilgesellschaft und die Religionsgemeinschaften selbst. Sie haben bereits reichhaltige Erfahrungen im interreligiösen Dialog gesammelt, und vermutlich ist es deswegen um das Verstehen zwischen christlichen Kirchen, islamischen Religionsgemeinschaften und jüdischen Gemeinden vielerorts recht gut bestellt. Diese Dialogerfahrungen in die Gesellschaft hineinzutragen und dabei auch die zu gewinnen, die sich als areligiös verstehen, darin liegt eine der großen Aufgaben. Diese religiös Ungebundenen machen immerhin ein Drittel der Bevölkerung aus und dürften die größten Fremdheitsgefühle gegenüber denjenigen haben, die ihren Glauben in der Öffentlichkeit sichtbar leben wollen.

Ideal ist es, wenn solche Begegnungen nicht immer bewusst organisiert werden müssen, sondern sich von ganz allein im Alltag ergeben. Das gelingt besser mit einer Stadtplanungs- und Wohnungsbaupolitik, die die Entstehung von Armenvierteln vermeidet, und mit Schulen, die Kinder jedweder Herkunft gemeinsam besuchen. Leichter wird es auch, wenn Menschen mit unterschiedlichen religiösen Bekenntnissen in allen gesellschaftlichen Positionen zu finden sind. Alte Einwandererländer, wie etwa Großbritannien, machen vor, wie das auf pragmatische Weise gehen kann: Hier sind der Turban der Sikhs und das muslimische Kopftuch offizielle Varianten bei der Polizeiuniform. In New York wurde kürzlich eine Richterin berufen, die ihren Amtseid auf den Koran leistete. Aber auch einige international ausgerichtete Firmen haben einen Vorsprung in puncto Diversitätsmanagement: Gebetsräume für Muslime, aber auch für Christen und andere Religionen sind hier häufig Standard.

Großbritannien zeigt auch, dass die institutionelle Gleichstellung islamischer Religionsgemeinschaften vieles erleichtert. Sie wäre auch in Deutschland ein starkes politisches Symbol für mehr Akzeptanz, deswegen ist zu hoffen, dass bald ein Weg dahin gefunden wird, ohne sich im historisch gewachsenen Staatskirchenrecht zu verheddern. Eine rechtliche Anerkennung würde muslimischen Religionsgemeinschaften die Möglichkeit eröffnen, stärker am Gemeinwesen mitzuwirken, wofür das deutsche Grundgesetz eine gute Basis bietet. Wichtig wäre, dafür keine Sondergesetzgebung zu schaffen, sondern den Weg zu ebnen für die Anerkennung auch anderer Religionsgemeinschaften. Deshalb ist die Einführung eines muslimischen Feiertags, wie es Innenminister Thomas de Maizière kürzlich angeregt hat, zwar ein positives Signal, wird aber der aktuellen Herausforderung nicht gerecht. Denn neben Muslimen leben auch Juden, Hindus und viele andere religiöse Minderheiten in Deutschland. Warum sollten nicht auch sie einen gesetzlichen Feiertag beanspruchen können? Ich halte es deswegen für angemessener, rechtlich zu gewährleisten, dass Kinder schulfrei bekommen und Arbeitnehmer Sonderurlaub beantragen können, um ihre religiösen Feiertage zu begehen – wie es vielerorts bereits praktiziert wird.

Wesentlich finde ich zudem, dass die zentralen religiösen Feiertage auch gesellschaftlich gewürdigt werden. Bereits das Wissen darüber, wann welche Feste gefeiert werden, ist ein Schritt zu mehr Anerkennung. Zum Austausch untereinander tragen gemeinsame Feiern und wechselseitige Einladungen bei – so wie es vielerorts muslimische Gemeinden bereits beim Fastenbrechen handhaben.

Wie wir das Zusammenleben in einer zunehmend religiös und kulturell diversen Gesellschaft gestalten wollen, ist eine der herausragenden Zukunftsfragen unserer Gesellschaft. Wenn an der Integration alle mitwirken, ist sie für alle ein Gewinn.

In der gedruckten Fassung dieses Artikels war fälschlicherweise die Rede von 10.000 befragten Muslimen, es wurden jedoch in der Studie 10.000 Menschen in sechs Ländern befragt, auch Muslime.