Es ist alles da, was es für ein großes politisches Drama braucht: Es geht um viel Geld und um großen Einfluss. Es geht um die Egos von Staatspräsidenten und um das eines ehemaligen Bundeskanzlers. Und es geht um die Frage, wer die Spielregeln für die Zukunft festlegt: Das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 verdichtet gleich mehrere internationale Konflikte.

Die Ausgangslage: Ein Zusammenschluss des russischen Staatskonzerns Gazprom mit fünf europäischen Energiekonzernen will für 9,5 Milliarden Euro eine weitere Gasleitung von Russland durch die Ostsee nach Deutschland bauen. Doch von allen Seiten gibt es Widerstand. Der Leiter des Verwaltungsrats, Ex-Kanzler Gerhard Schröder, nahm schnell noch einen weiteren Posten an und wurde Aufsichtsratschef beim russischen Staatskonzern Rosneft. Nord Stream 2 kann ein dichtes Netzwerk brauchen, denn das Projekt steht unter gewaltigem Druck – in den USA, in einzelnen EU-Staaten und in der EU-Kommission. Kann die Röhre dem standhalten?

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Im August ermächtigen die Abgeordneten im amerikanischen Kongress ihren Präsidenten, jeden mit schweren finanziellen Sanktionen zu belegen, der in russische Export-Pipelines investiert oder für den Bau solcher Leitungen "Güter, Dienstleistungen, Technologie oder Informationen liefert". Diese Beschreibung trifft ohne viel Fantasie auf die Partner des russischen Gazprom-Konzerns im Pipeline-Projekt zu. Mögliche Gefahr droht dadurch den europäischen Konzernen Shell, Engie, OMV, Wintershall und Uniper (früher E.on). Sie sind mit Gazprom verbündet und wollen jeweils bis zu 950 Millionen Euro in die Ostsee-Gasleitung investieren.

Das Kalkül der USA wird kaum verschleiert: Amerikanische Politiker sprechen offen darüber, dass sie künftig mehr amerikanisches Erdgas nach Europa exportieren möchten. Nicht per Pipeline, sondern durch verflüssigtes Gas auf Tankern, die das Gas dann über Terminals ins EU-Gasnetz einspeisen. Außenminister Sigmar Gabriel warnte Washington, dass "Sanktionspolitik kein angemessenes Instrument zur Beförderung nationaler Exportinteressen und der heimischen Energiebranche" sei. Gabriel hatte sich schon als Wirtschaftsminister für Nord Stream 2 stark gemacht. Michael Harms, Geschäftsführer des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, sieht möglicherweise noch andere Energieprojekte von deutschen Konzernen von den Sanktionen betroffen: "Das ist America first in einer neuen Dimension." Auch die EU-Kommission protestierte.

Doch viele Europäer schweigen, weil auch sie es gern sähen, wenn die Gasröhre nie gebaut würde.

Der polnische Außenminister Witold Waszczykowksi etwa beschimpft Nord Stream 2 als "antieuropäisch", die Ukrainer sehen die Pipeline als Teil "russischer Energieaggression". Sie haben ihre Gründe: Bisher verlaufen wichtige Exportleitungen für russisches Erdgas über polnisches und ukrainisches Territorium. Dafür nehmen beide Staaten Transitgebühren in Milliardenhöhe ein. In der Ukraine und in den baltischen Staaten fürchtet man zudem, dass Gazprom ihnen in einem Konflikt die Gasleitung kappen, Westeuropa über die Ostsee aber weiter beliefern könnte. Auch Dänemark, an dessen Insel Bornholm Nord Stream 2 vorbeiführen soll, könnte demnächst Einspruch erheben. Ebenso macht Rom Stimmung gegen die Pipeline. Die Italiener würden lieber mit Gazprom eine Leitung durch das Schwarze Meer und Griechenland nach Italien bauen. So verfolgt jeder Staat seine Interessen.

Die Planer von Nord Stream 2 halten dagegen, die Pipeline sei ein rein wirtschaftliches Projekt. Hinter dem Argument haben sich auch Kanzlerin Angela Merkel und Sigmar Gabriel verschanzt, als sie wegen ihrer Unterstützung für Nord Stream 2 kritisiert wurden. Doch das hat viele EU-Partner verärgert. Sie sehen in Nord Stream ein politisches Projekt.