Einen Akademikerwitz hat mein Lieblingsmathematikprofessor gern erzählt: Die Mathematik sei die zweitbilligste Wissenschaft. Für sie brauche man einen Stift, ein Blatt Papier und einen Papierkorb, weil die meisten Ideen ja nichts taugten. Was nun, fragte der Professor, sich zu seiner wahren Größe aufblasend, ist die billigste Wissenschaft: Die Philosophie, denn die braucht auch den Papierkorb nicht.

Das ist einer der vielen Gründe, warum ich kein Philosoph bin. Bei mir ist der Papierkorb in Verwendung. Er steht – in guter Hoffnung – auf dem Display meines Computers rechts unten, und er hat bereits ungeheure Mengen an Zeichen verschluckt.

Bleibt die Frage, was nun ist ein Philosoph? Meine erste Antwort lautet: Eine Philosophin oder ein Philosoph ist ein Mensch, der fürs Philosophieren bezahlt wird und der dafür in zahlungskräftigen Institutionen wirkt, um im Stafettenlauf der Generationen die Errungenschaften der Philosophie weiterzugeben.

Zu dieser Philosophie gehört auch die berechtigte Klage über ihren Zustand: "Was wird im subventionierten Schonraum der Universitäten alles diskutiert, ohne für den Alltag irgend von Belang zu sein: ›Nietzsche und‹ ... (hier kann man nun nach Belieben einsetzen: Sokrates, Kant, Schopenhauer, Wagner, die Kunst, Europa, das fernöstliche Denken etc. etc.) Um solche Themen bilden sich sogenannte Zitierkartelle, bestehend aus Interpreten, die im Wetteifer um die richtige Textauffassung einander kritisieren oder bestätigen."

Das steht in einem Buch, das zu verstehen gibt, was ein Philosoph noch sein kann: in Christoph Türckes Nietzsches Vernunftpassion. Aufsätze und Reden. Gleich im Vorwort schreibt Türcke über Nietzsche, was ein Philosoph am Ende gewesen ist: "Friedrich Nietzsche ist es gelungen, was den wenigsten beschieden ist und niemand erzwingen kann: Er hat den Grundton seiner Epoche angeschlagen."

Ich behaupte, das tun Philosophen so: Plato hat es getan, Kant hat es getan, Hannah Arendt hat es getan, Heidegger, Jaspers, Adorno haben es (gegeneinander) getan, und Sloterdijk tut es heute. Unter ihnen ist Nietzsche ein besonderer Fall: Er hat den Epochenwandel, dessen Leidtragender er war, zugleich mitbewirkt. Er war schwer beschädigt von den "Übertretungen", für die er sich selber bis zum Größenwahn lobte. Er war, sagt Türcke, "ein durch und durch rücksichtsloser Denker".

Türckes Bemühen im Wettstreit um die richtige Interpretation ist von Erfolg gekrönt: Der Leser hat eine Chance, zu begreifen, was es heißt, ein Philosoph mit Epoche machenden Widersprüchen zu sein. Der schwerblütige Nietzsche, er propagierte das Leichtfüßige: "Tanzen-können mit den Füssen, mit den Begriffen, mit den Worten ..."

Christoph Türcke: Nietzsches Vernunftpassion. Aufsätze und Reden; zu Klampen Verlag, Springe 2017; 125 S., 12,80 €, als E-Book 9,99 €