Zwei Himmelsstürmer in eng geschnittenen Anzügen, die ihren Ländern einen neuen Anfang versprechen – der Erfolg von Sebastian Kurz in Wien erinnert an Emmanuel Macron. Der eine ist im Frühjahr französischer Präsident geworden, der andere wird nun aller Voraussicht nach österreichischer Bundeskanzler, 31 Jahre jung. Kurz und Macron sind die herausragenden Vertreter einer politischen Slim-Fit-Generation, die aus der Asche eines ausgebrannten Parteiensystems neues Feuer entfacht hat. Vorerst jedenfalls.

Doch damit enden die Parallelen.

Die österreichische Parlamentswahl stand am Ende eines extrem aufgeladenen europäischen Wahljahres, das von zwei Motiven geprägt war: dem starken, aber diffusen Wunsch nach Veränderung und der ständigen Konfrontation mit Nationalisten und Radikalen. Ob Marine Le Pen in Frankreich, Geert Wilders in den Niederlanden, die FPÖ in Österreich oder die AfD in Deutschland: Immer ging – und geht – es darum, wie man denen entgegentritt, die die Grundlagen der bisherigen Ordnung, die liberale Gesellschaft infrage stellen.

Auf diese Frage haben Sebastian Kurz und Emmanuel Macron radikal unterschiedliche Antworten gegeben. Kurz ist den rechten Populisten weit entgegengekommen; er hat fast nur über Flüchtlinge gesprochen, selbst wenn es um Steuer- oder Bildungspolitik ging. Er hat die Integrationsprobleme, die es auch in Österreich gibt, zugespitzt und skandalisiert, obwohl er selbst in der Regierung für Integration verantwortlich war. Und er hat von sich das Bild eines starken Mannes gezeichnet, der den "Brüsseler Bürokraten" (und Angela Merkel) zeigt, wie man Grenzen schließt.

Macron dagegen hat Populismus und Nationalismus die Stirn geboten. Er hat Marine Le Pen in Widersprüche verwickelt und der Angst, die seine Gegnerin schürte, die Idee eines neuen Wir entgegengesetzt. Leidenschaftlich kämpft er für eine "Neugründung" der Europäischen Union. Macron hat versucht, den Diskurs der Rechten zu brechen und die politische Mitte neu zu definieren. Kurz hat dem Rechtsruck nachgegeben und ihn so verstärkt.

Wie kühn Macron war, wird im Spiegel der österreichischen Wahl noch einmal deutlich. Und auch wie vorläufig alle Siege über die Populisten sind. Vor zehn Jahren schien die FPÖ schon einmal geschlagen; nun kehrt sie möglicherweise als Regierungspartei zurück. Kurz ist hierfür nicht allein verantwortlich. Er kann sogar für sich in Anspruch nehmen, er habe die FPÖ überholt, die in den Umfragen lange vorne lag. Aber wer seine Strategie deshalb zum "Erfolgsmodell" erklärt, wie nun die CSU, der verschließt die Augen vor den Folgen.

In Österreich sind die Rechtspopulisten heute stärker als in jedem anderen westlichen EU-Land. Mehr als ein Viertel der Wähler haben für die FPÖ gestimmt, eine Partei, die auch das Bekenntnis zur "Volksgemeinschaft" in ihrem Programm führt – der Begriff ist eindeutig nationalsozialistisch besetzt. Ausgerechnet diese Partei spielt jetzt eine Schlüsselrolle: Weil die bisherige Koalition aus Christ- und Sozialdemokraten in Wien trotz wirtschaftlicher Erfolge diskreditiert ist, gerät FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache nun in die Rolle des Königsmachers. Ein Mann, der lange Zeit enge Kontakte zur Neonazi-Szene unterhielt. Erst haben die radikalen Rechten in Österreich die Themen diktiert, nun halten sie die Schlüssel für das Kanzleramt in Händen – was für ein Debakel!

Die Populisten, die einen großen Teil ihrer Energie aus der Wut auf die Etablierten ziehen, haben sich in Europa fest etabliert – auch das steht am Ende dieses Wahljahres. Emmanuel Macron hat im Spiegel drei Möglichkeiten skizziert, wie man auf rechtsextreme Parteien reagieren kann. Die erste: Man könne so tun, als ob sie nicht existierten. So hat es Angela Merkel in ihrem Wahlkampf gehalten, in dem sie keine Antwort fand auf den Zorn, der ihr auf Marktplätzen entgegenschlug. Merkels Sprachlosigkeit hat die AfD gestärkt. Die zweite Möglichkeit, so Macron, sei es, den rechtsextremen Parteien hinterherzulaufen. Er selbst habe einen dritten Weg gewählt und "den Kampf" aufgenommen.

Selbstverständlich muss man zwischen den radikalen Parteien und ihren Wählern unterscheiden. Und natürlich darf man Probleme nicht verschweigen, auch nicht solche mit Zuwanderern. Vor allem aber darf man sich nicht irremachen lassen. Gefährlicher als die Populisten selbst ist die Angst vor ihnen. Macron empfiehlt seinen deutschen Freunden: "Seid nicht schüchtern gegenüber diesen Leuten."

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