Read the English version of this interview.

DIE ZEIT: Herr Villeroy de Galhau, wenn Sie Ihre Augen schließen und über Europa nachdenken, was sehen Sie: rote Linien oder neue Horizonte?

François Villeroy de Galhau: Ich ziehe es vor, meine Augen offen zu halten! Wir sehen, dass sich die wirtschaftliche Lage verbessert. Wir erwarten 2,2 Prozent Wachstum für den Euro-Raum im Jahr 2017. Der Euro-Raum hat seit Anfang 2013 sieben Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, und die Geldpolitik hat eine bedeutende Rolle bei dieser Erholung gespielt.

ZEIT: Der französische Präsident Emmanuel Macron hat von "neuen Horizonten" für Europa gesprochen, und der FDP-Chef Christian Lindner hat vor der Wahl in Deutschland "rote Linien" für die Europapolitik definiert. Was brauchen wir wirklich?

Villeroy: Wir sollten wahrscheinlich beides haben: rote Linien und neue Horizonte.

ZEIT: Das ist eine sehr diplomatische Antwort.

Villeroy: Nein, ich bin davon überzeugt. Lasst uns endlich aufhören, "deutsche Regeln" und "französische Visionen" zu Gegensätzen zu machen. Die Deutschen liegen richtig, wenn sie betonen, dass wir in den Euro-Ländern mehr Reformen brauchen, allen voran in Frankreich. Aber wir brauchen auch eine stärkere Wirtschaftsunion auf europäischer Ebene. Erinnern wir uns, worauf wir uns im Maastricht-Vertrag vor 25 Jahren geeinigt haben. Das war eine Wirtschafts- und Währungsunion. Die Währungsunion ist ein Erfolg, an der Wirtschaftsunion müssen wir noch arbeiten. Das ist auch nötig, um zu vermeiden, dass Geldpolitik "the only game in town" ist.

ZEIT: Ich würde die Währungsunion keinen Erfolg nennen. Sie ist beinahe zerbrochen vor einigen Jahren. Aber lassen Sie uns über die Wirtschaftsunion reden, die Ihrer Meinung nach erst noch kommen soll. Was meinen Sie damit?

Villeroy: Der Euro wird von 81 Prozent der Deutschen unterstützt, er hat die schlimmste Finanzkrise überstanden, deshalb ist die Währungsunion ein klarer Erfolg. Was die Wirtschaftsunion angeht, brauchen wir zunächst inländische Reformen, wie wir sie gerade in Frankreich sehen. Aber wir müssen auch die Euro-Zone stärken. Es gibt drei Möglichkeiten, hier aufs Gaspedal zu drücken: erstens mit einer Finanzierungsunion für Investitionen und Innovation, um die 350 Milliarden, die Europa jährlich mehr spart, als es investiert, besser zu nutzen. Zweitens mit einer besseren Koordination der Wirtschaftspolitik: Weil es mehr Reformen in Frankreich gibt, ist Raum entstanden für einen Stimulus in anderen Ländern wie Deutschland.

ZEIT: Schlagen Sie gerade ein öffentliches Investitionsprogramm für Deutschland vor?

Villeroy: Welche Art von Stimulus Deutschland wählt, das muss es natürlich selbst entscheiden. Es könnten öffentliche Investitionen sein. Es könnten Steuersenkungen für die deutschen Haushalte sein. Oder es könnten Lohnerhöhungen sein, wie Bundesbankpräsident Jens Weidmann sie vor einiger Zeit genannt hat.

ZEIT: Brauchen wir auch ein gemeinsames Budget für den Euro-Raum, also das, was viele Deutsche fürchten: eine Transferunion?

Villeroy: Ein gemeinsames Budget, wie Präsident Macron es vorgeschlagen hat, ist die Idee, dass es einige Gemeinschaftsgüter gibt, die auch gemeinsam finanziert werden sollten, wie Verteidigung, die Sicherung der Außengrenzen, Digitalisierung, das Management der Flüchtlingskrise. Ein Teil davon könnte durch privates Geld finanziert werden. Ein Teil davon bedarf gemeinsamer öffentlicher Ausgaben, die allen Ländern nutzen, einschließlich Deutschland. Dieses gemeinsame Budget ist die dritte Möglichkeit, aufs Gaspedal zu drücken. Es ist keinesfalls eine Transferunion. Eine Transferunion wäre ein einseitiges Budget, bei dem immer die gleichen Länder einzahlen und immer die gleichen anderen profitieren. In diesem Fall würde ich die deutschen Ängste verstehen.

ZEIT: In Deutschland wird es nach den Wahlen schwieriger sein, diese Idee umzusetzen. Die FDP lehnt ein gemeinsames Budget für die Euro-Zone ab, nennt es eine "Kollektivierung der Schulden".

Villeroy: Die französische Notenbank und ihr Präsident sind vollständig unabhängig, und das seit 23 Jahren. Deshalb kommentiere ich natürlich nicht die politischen Entwicklungen in Deutschland. Aber ich vertraue unseren deutschen Freunden, dass es ihnen gelingt, die traditionellen Ängste hinter sich zu lassen. Gemäß ökonomischer Analyse haben alle Länder vom Euro profitiert, Deutschland aber am meisten. Frankreich reformiert sich gerade mutig. Es ist jetzt die richtige Zeit, die Zukunft anzugehen: jetzt oder nie!