Colin Kaepernick war der erste Athlet, der freiwillig in die Knie ging: Der Quarterback, das Gehirn der San Francisco 49ers, kniet, reckt die Faust und schließt die Augen, während im Stadion die amerikanische Nationalhymne ertönt. Das war vor einem Jahr. Kaepernick, der Athlet, singt nicht mit – diese Hymne meint nicht ihn. Kurz zuvor sind wieder Schwarze von Polizisten erschossen worden. Der Sportler protestiert gegen den allgegenwärtigen Rassismus, indem er an den Kniefall von Martin Luther King erinnert. Der ließ sich 1965 in Selma vor der bewaffneten Polizeikette auf die Knie nieder. Kings Appell: Seid nie zufrieden, "solange der Neger Opfer von Grauenhaftigkeiten der Polizeigewalt ist".

Was als Protest eines einsamen schwarzen Athleten begann, hat sich mittlerweile zum weltweiten Kampf um die politische Mündigkeit von Sportlern ausgewachsen. Vergangenes Wochenende kniete sich sogar das Bundesligateam von Hertha BSC vor dem Anpfiff der Partie gegen Schalke auf den Rasen. Nicht allein, um gegen Rassismus zu protestieren, sondern als Zeichen der Solidarisierung. Es geht bei der Symbolik auch um das Recht der Sportler, als Mensch eine politische Haltung zu haben und sie zum Ausdruck zu bringen.

Durch Donald Trump hat der Protest eine neue Eskalationsstufe erreicht. Er hält all jene amerikanischen Athleten, die dem Beispiel Kaepernicks folgten und bei der Hymne nicht andächtig verharrten, sondern knieten, für "Hurensöhne" und forderte ihre Suspendierung. Doch es ist ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein, dass Sportler erstmals seit den 1960er Jahren die öffentliche Bühne nutzen, um auf gravierende Missstände hinzuweisen. Damals ballten die Sprinter Tommie Smith und John Carlos auf dem olympischen Siegerpodest in Mexiko die Fäuste gegen den Rassismus.

Der Sport lebt von der Zuwendung der Fans. Ohne deren Hingabe ist das Spektakel wertlos. Und immer mehr Fans sehnen sich nach der Sinnhaftigkeit von Sport – jenseits der Rekorde, der Medaillen und des großen Geldverdienens. Colin Kaepernick wurde inzwischen entlassen. Einen neuen Verein hat er nicht gefunden.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio