Immer wenn ich meinen gut zehn Jahre alten Führerschein in die Hand nehme, sehe ich das größte Rätsel meines Kleiderschranks vor mir. Es ist die grüne Strickjacke, die ich damals zufällig anhatte, als das Passfoto gemacht wurde. Die Jacke war im Sommer 2004 ein gutes Jahr alt, heute ist sie 14. Wäre sie ein Mensch, sie dürfte bald den Führerschein machen.

Die Strickjacke ist deshalb so rätselhaft, weil sie sich den modernen Regeln der Modebranche systematisch verweigert. Ziehe ich heute Kleidung von Adidas, Nike, Puma, Jack & Jones oder Marco Polo an, die in der Strickjacken-Preisklasse zwischen 40 und 90 Euro liegt, dann schmeiße ich das Teil spätestens nach vier Jahren in die Altkleidertonne. Verwaschen, zu kurze Ärmel oder völlig außer Form und im Zweifel aus der Mode gekommen.

Wenn ich am Wochenende durch die Stadt spaziere, begegnen mir laufend Tüten, die an Armen von seligen Teenagern durch die Gegend baumeln. Auf den Tüten steht manchmal das Logo von H&M und noch viel öfter das von Primark. Diese Marken haben perfektioniert, was mir zuwider ist: Sie machen oft Mode für eine Saison. Meine grüne Strickjacke stammt aus einer anderen Zeit. Als ich sie kaufte, war Gerhard Schröder Kanzler in seiner ersten Amtszeit, Saddam Hussein regierte den Irak, und der Euro war wenige Monate alt. Als ich später unsere frisch geborenen Zwillinge durch die Wohnung trug und die beiden mich wie ein lebendiges Lätzchen behandelten, war sie ein Dauergast in der Waschtrommel. Einmal habe ich die Strickjacke aus Versehen bei 60 Grad gereinigt. Sie verzieh auch das und blieb in Form.

Warum hält diese Jacke so lange? Auf der linken Brustseite ist das Label ATO eingestickt. Durch das Impressum auf der Firmenhomepage weiß ich, wer dahintersteckt: Jim Ato Ardoshahi. Ich rufe ihn an und vereinbare einen Besuch in seinem Büro, das in einem Berliner Hinterhof liegt und aussieht wie ein Lagerverkauf für Retroklamotten. Von dort aus vertreibt er mit Geschäftspartnern die hier designte Mode in Deutschland, den Niederlanden und Belgien.

Zur Begrüßung sagt Jim, wie ihn hier alle nennen: "Ich habe dich ganz vergessen." Dann nimmt er sich doch zwei Stunden Zeit, um das Geheimnis meiner Strickjacke zu lüften.

Jim kam in den achtziger Jahren nach Göttingen, um Agrarwirtschaft zu studieren. Woher er kam und wie alt er damals war und heute ist, daraus macht er ein Geheimnis. "Es spielt doch keine Rolle für mein Leben hier und jetzt", sagt er. Nur die Lachfalten und die angegrauten dunklen Haare verraten, dass die Rente näher rückt. Sicher ist, dass Jim in den achtziger Jahren Gefallen an Göttingens Flohmärkten fand und dort Secondhandhosen verkaufte. Anfang der neunziger Jahre hatte er allerdings ein Problem: "Die Leute waren verrückt nach Schlaghosen aus Cord, aber ich konnte in ganz Göttingen keine besorgen."

In der enormen Nachfrage nach Schnittmustern und Stoffen, die an die siebziger und frühen achtziger Jahre erinnerten, erkannte Jim eine Chance auf ein großes Geschäft. So wurde aus dem Gelegenheitsverkäufer Jim ein Modeunternehmer. Dabei hatte er das Glück, dass ihm Carsten Nagel, ein Angestellter der örtlichen Sparkasse, einen großzügigen Kredit bewilligte. "Ich hab schnell gespürt, da lebt jemand seinen Traum. Ato hat mich einfach überzeugt", sagt Nagel.