Wer die Ärmsten der Hamburger Armen besuchen will, fand sie vergangene Woche unter einer Brücke im Norden der Stadt. Alle paar Minuten rauschen eine S-Bahn oder ein Güterzug vorbei, dann ersticken alle Gespräche im Lärm, dann schweigen Cristi und Petre, Ramona und Maria, weil sie sich selbst nicht mehr verstehen.

Zehn Rumänen stehen auf dem gepflasterten Fußweg unter der Brücke, nur ein paar Meter von der Station Rübenkamp entfernt. Sie sind aufgewühlt, weil ihnen am Nachmittag der größte Teil ihres Besitzes abhandenkam. Ihre Matratzen, auf denen sie schliefen – weg. Die Koffer mit den Pullis und Jacken für den nahenden Winter – entsorgt von der Stadtreinigung. Ihre Essensvorräte, die Fischkonserven, der Käse, die Tomaten – alles abtransportiert.

Am Morgen hatten die Roma ihr Lager verlassen wie immer, waren aufgebrochen zu ihren Bettelplätzen, wo sie stundenlang sitzen, um zehn Euro einzunehmen, oder 15, wenn es gut läuft. Doch als sie diesmal zurückkehrten, war ihr Lager verschwunden. Unter der Hebebrandstraße, wo sie ihre Matratzen ausgelegt hatten, steht jetzt ein Bauzaun. Sperrgebiet.

Sie sind dann 300 Meter weiter gelaufen, unter diese Bahnbrücke. Hier schliefen sie früher schon einmal, doch eigentlich wollten sie nicht zurück an diesen Ort, der so laut ist.

Petre, der wie alle Rumänen in diesem Text in Wirklichkeit anders heißt, zieht eine blaue Unterhose aus seiner Jackentasche. "Das ist alles, was ich noch besitze", sagt er.

Petre fragt sich, wie er durchhalten soll. Die kommende Nacht. Und erst recht die kommenden Wochen, in denen er Geld verdienen muss für seine Familie daheim im bitterarmen Nordosten Rumäniens. Bis Weihnachten will er ausharren. Irgendwie.

2014 öffneten sich die EU-Grenzen für Rumänen und Bulgaren. Seither dürfen sie sich im Rahmen der sogenannten Freizügigkeit in Europa bewegen, um zu arbeiten. Viele Menschen von den armen Rändern Europas nutzen die Gelegenheit. Sie fahren ins reiche Zentrum des Kontinents, setzen sich vor U-Bahnhöfe, Supermärkte oder auf den Jungfernstieg und betteln.

Es kamen so viele, dass die Stadt beschloss, durchzugreifen. Jetzt gibt es das, was Sozialarbeiter "die Abschreckungsstrategie" nennen. Jetzt gibt es rote und weiße Zettel.

Petre hat den roten Zettel mitgenommen, der vor ein paar Tagen plötzlich bei ihren Matratzen lag. Er faltet ihn auseinander: Freie und Hansestadt Hamburg, steht oben, Bezirksamt Hamburg-Nord, Ordnungswidrigkeitenmanagement. "Hiermit werden Sie aufgefordert, bis zum 10.10.2017, 10.00 Uhr, diesen Platz zu räumen. Sollten Sie dieser Weisung nicht Folge leisten, werden gegen Sie unverzüglich (nach Fristablauf) Zwangsmaßnahmen eingeleitet." Wegen eines Verstoßes gegen das Hamburgische Wegegesetz.

Zwangsmaßnahmen: Petre weiß jetzt, wie ernst dieser Begriff gemeint ist.

Unter der Brücke ist die Stimmung erstaunlicherweise trotz allem nicht schlecht. Ramona und Maria kichern ab und zu. Vermutlich sind sie das Elend gewohnt. Sie gehören zu keiner Bettelmafia, wie manche vermuten, sie sind nur alle verwandt, ein Familienclan. Auf dem Weg hierher hat die Gruppe zwei dünne Schaumstoffmatratzen im Gebüsch gefunden, von anderen Rumänen vermutlich, sie sind schwarz vor Dreck und nass wie ein Schwamm. Einige werden sich heute Nacht darauf legen. Die anderen? Schulterzucken. "Keine Ahnung", sagt Petre.

Ein Anruf beim Bezirksamt Nord. Es habe "eine Beschwerdelage gegeben", sagt der Sprecher, da müsse das Amt einschreiten. Der rote Zettel sei eine Woche vor der Räumungsaktion ausgelegt worden, und das bereits zum dritten Mal. "Es ist ausreichend Zeit eingeräumt worden, um Hab und Gut zu sichern." Als der Aufräumtrupp kam, hätten die Mitarbeiter des Ordnungsamts alle Habseligkeiten nach Wertgegenständen durchgeschaut. Sie hätten aber keine gefunden. Deshalb habe die Stadtreinigung die "herrenlosen Gegenstände" entsorgt. Der Sprecher sagt noch, dass er persönlich die Menschen bedauere. "Aber wenn wir Beschwerden bekommen, müssen wir handeln."

Dass keine Wertgegenstände gefunden wurden, mag daran liegen, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt: Für Petre war seine schäbige Matratze und sein alter Koffer voller Kleidung das Wertvollste, was er besaß. Für die Leute vom Amt war es nur Müll.