Er sei der einzige Politiker in Österreich, der den Siegeszug der Rechtspopulisten stoppen, der Einzige, der dem freiheitlichen Parteichef Heinz-Christian Strache Paroli bieten könne. Das pflegte Sebastian Kurz mitunter zu entgegnen, wenn sein Zug zur Macht auf skeptische Stimmen stieß.

Diese Vorhersage hat der selbstbewusste Außenminister nun wahr gemacht – indem er die Rezepte der blauen Widersacher kopierte. Im Ton verbindlich, im Inhalt unerbittlich: Wenn ein junger Mann mit tadellosen Manieren von Grenzkontrollen, Abschiebungen und sozialen Kürzungen spricht, verlieren die meisten rigorosen Forderungen viel von ihrer eisigen Schärfe. Plötzlich erscheinen sie zumutbar, schrecken auch viele zivilisierte Wähler nicht mehr ab, sondern besitzen jetzt auf harmlose Art und Weise jene verführerische Kraft, die einfache Lösungen mit sich bringen. Den größten Teil der Strecke zu seinem Wahlsieg hat Sebastian Kurz auf Samtpfoten zurückgelegt. Aber dadurch hat er auch den politischen Kanon der Freiheitlichen salonfähig gemacht.

Auf den ersten Blick scheint der künftige Bundeskanzler nur ein Programm zu kennen: die eigene Person. Die harte Linie in der Migrationspolitik diente vor allem als Transmissionsriemen, um seine Wahlbewegung in Schwung zu halten. Damit nahm Kurz aber in Kauf, dass dieses alle Debatten dominierende Thema die Wählerschaft weit nach rechts wandern ließ. Am Wahlabend frohlockte Strache, im Grunde genommen hätten fast 60 Prozent der Österreicher das blaue Programm gewählt, das Zuwanderung prinzipiell als Bedrohung sieht und deshalb nicht davor zurückschreckt, sie mit allen Mitteln zu unterbinden. Die logische Folge dieser fatalen Allianz aus Eigenheim und Gemeindebau wird wohl eine neuerliche schwarz-blaue Regierungskoalition sein. Doch diesmal wird kaum jemand wie beim ersten Teufelspakt die naive Hoffnung hegen, Wendekanzler Sebastian Kurz werde es schon gelingen, die blauen Hardliner zu zähmen. Vielmehr könnte das Gegenteil der Fall sein: Kurz wird zum Getriebenen, dem seine Partner eine immer radikalere Verschärfung der Ausländergesetze abverlangen, bis sich Österreich eines Tages eingeigelt hat wie kaum ein anderes europäisches Land. Es wäre ein hoher Preis, den die Republik für die großen Ambitionen eines politischen Wunderkindes zu zahlen hat.

Sebastian Kurz spricht viel von "Veränderung", doch es besteht der Verdacht, all der Wandel, den er in Aussicht stellt, solle vor allem seine Machtbasis absichern und verbreitern. Mit dem Instinkt eines politischen Naturtalents lässt er den Großteil seiner Absichten im Vagen, sein Name muss als Garantie dafür ausreichen, dass Wählerwünsche wahr werden. So überstand er fast unbeschadet eine erbitterte Schlammschlacht, seine ganze Kampagne war maßgeschneidert für diesen emblematischen Politikstil. Sebastian Kurz ist heute eine verheißungsvolle Marke, mehr Phänomen denn politischer Profi, viel schimmernde Oberfläche, unter der sich kaum politische Zielvorstellungen, geschweige denn Ideologie verbergen. Das Trugbild ist freilich beabsichtigt, der Politiker wird dadurch weniger angreifbar.

Natürlich verfolgt Kurz ein politisches Projekt. Er entstammt einer Strömung in der Volkspartei, für die die sozialpartnerschaftlich orientierte Politik ausgedient hat, der sich die Konservativen früher häufig verschrieben haben. Sie wird für Budgetdefizite, hohe Staatsschulden und ächzende Steuerlast verantwortlich gemacht. Ein Sozialsystem kann gar nicht schlank genug sein, weshalb der sozialdemokratische Versorgungsstaat immer weiter zurückgedrängt werden muss. Das war die nur teilweise verborgene Agenda der ersten Wenderegierung von Wolfgang Schüssel, das erwarten sich die Mentoren nun auch von Kurz und seiner jungen Garde. Als die Regierung Schüssel vor zehn Jahren abgewählt wurde, hatten die meisten in der Volkspartei das Gefühl, von einem Irrtum der Geschichte getroffen worden zu sein. Mit Sebastian Kurz ist nun einer an die Regierungsspitze gelangt, der vollenden soll, was damals so abrupt unterbrochen wurde: die Sozialdemokratie in Staat und Gesellschaft möglichst weit ins Abseits zu zwingen.