Wenn Stalin anrief – Seite 1

Der Gipfel der Heuchelei war wohl dieses Kochbuch. Monumentaler Anspruch und karge Wirklichkeit der Sowjetunion prallen nirgendwo schöner aufeinander als in diesem kurz vor Stalins Tod 1953 herausgegebenen Rezepte-Band. Deckblatt und Fotos zeigen die angeblichen Grundnahrungsmittel der sowjetischen Idealküche: Orangen, Zitronen, Birnen und Pfirsiche, Trauben, Wein und Filet, Champagner und Forelle, Kaviar in Kristallglasschalen. Es blieb bei den Bildern. Das Kochbuch beschrieb Rezepte für Lebensmittel, die es nicht gab. Es verschwieg die Lebensmittelkarten und Warteschlangen.

Stalins Kochbuch ist einer der vielfältigen Gegenstände, die der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel in seinem großen jüngsten Werk darstellt, um die Sowjetunion verstehbar, spürbar und fühlbar zu machen. Schlögels Buch von fast tausend Seiten ist nicht, wie man denken könnte, das letzte Wort zur Weltmacht UdSSR oder die allumfassende Lenin-Stalin-Breschnew-Gorbatschow-Exegese.

Schlögel nennt sein Buch eine "Archäologie einer untergegangenen Welt", in der er Stein für Stein, Bild für Bild und Relikt für Relikt eine Welt rekonstruiert, die mit dem Abstand von 25 Jahren kaum noch zu fassen ist. Heute ist die Sowjetunion in Moskau nur noch mit Mühe zu erahnen, am ehesten in der Architektur. Aber man riecht und spürt nichts mehr. Karl Schlögel macht diesen Kosmos noch einmal erlebbar und führt seine Leser auf eine Zeitreise zurück in die UdSSR. Schlögel beschreibt die Enge des Alltags und die Weite der Ambitionen einer revolutionären Weltmacht. Und die bittere Kluft zwischen beidem.

Nirgendwo war diese Kluft besser spürbar als in den Lebensverhältnissen. Wer als Sowjetbürger um die Zeit der Revolution geboren wurde, lebte meist in einer "Kommunalka". Das waren die Gemeinschaftswohnungen in den Altbauten aus vorrevolutionärer Zeit. Die einst herrschaftlichen Appartements wurden in kleine, längliche Zimmer aufgeteilt, in die sich jeweils eine Familie hineinquetschte. In den Wirren von Revolution, Kollektivierung und Industrialisierung zogen Millionen in die Städte, es mangelte überall an Wohnraum. So lebten oft mehrere Dutzend Menschen in einer Wohnung, mit nur einer Toilette und einer Küche.

Diese Kommunalka nennt Schlögel den "innersten Kern der sowjetischen Lebensform", den "auf Dauer gestellten Ausnahmezustand". Oft wussten die Nachbarn wenig über Herkunft, Leben und Arbeit des anderen. Dafür erfuhren sie alles über seine Geräusche, ob auf der Toilette, in der Küche, im Bett. Die Bewohner führten Kleinkriege um Abrechnungen, zu lange Toilettensitzungen, den falsch abgestellten Topf. In der Küche bereiteten sie Speisen vor und kochten ihre Wäsche aus, im Korridor hängten sie unter der Decke die nasse Wäsche, Fahrräder, Koffer und Stühle auf. Stets fanden sich "Querulanten und Maulaufreißer" im falschen Moment. Für den Künstler Ilja Kabakow war die Kommunalka einfach das "tagtägliche Straflager".

Schlögel hat ein gutes Auge für vermeintliche Nebensächlichkeiten, welche die Menschen im Alltag stark belasteten. Der sowjetischen Toilette widmet er ein ganzes Kapitel. Lenin hatte Kloschüsseln aus Gold versprochen, aber einfach sauberes Porzellan hätte es auch schon getan. Die Toilette machte aus dem Ausnahmezustand der Kommunalka, schreibt Schlögel, einen "Notstand in Permanenz". Zwar hingen oft Benutzungshinweise für das "Erlernen elementarer sanitärer Rituale" aus, aber das half nicht viel. Schlögel erklärt das mit der Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber dem gemeinschaftlich genutzten Raum, aber auch mit dem antibourgeoisen Affekt der Revolution. In der Revolution zerstörten Rotarmisten als Erstes die Toiletten. Dort wütete die Zerrüttung, die in den Köpfen begonnen hatte, beobachtete damals der Schriftsteller Michail Bulgakow. Erst nach dem Untergang der Sowjetunion wurde die saubere, regelmäßig gewartete Toilette in den 1990er Jahren zur neuen Norm, schreibt Schlögel und fügt ironisch hinzu: als "Grimasse des Kapitalismus".

Das gegnerische kapitalistische System zu überflügeln war Ziel und Zweck der Sowjetunion. Stalin wollte Großes und Allergrößtes schaffen. Um die Dimensionen dieser Entwürfe zu zeigen, mischt Schlögel die historische Analyse kunstvoll mit dem Blick des Reisenden. In Reportagen führt er uns an die Kultstätten der sowjetischen Industrialisierung. Nahe der ukrainischen Stadt Saporoschje am Dnjepr wurde Europas größtes Wasserkraftwerk gebaut, das "Dnjeproges", ein "Ensemble aus Staudamm, Schleusen, Kraftwerken in zyklopischen Ausmaßen". Schlögel beschreibt es als "Ausdruck menschlichen Genies in der Zähmung und Nutzung der Naturgewalt". Die Sowjetführung sah die Natur als Material an, um das Idealbild einer industrialisierten Gesellschaft zu schaffen, in der das Individuum nur dem Ganzen diente. Dnjeproges wurde im Zweiten Weltkrieg zwei Mal gesprengt. Einmal von den Sowjets, damit es die anrückenden Deutschen nicht bekamen, dann von den Deutschen beim Rückzug.

Der Terror als Massenphänomen

Bau und Raubbau an den Grundlagen des Lebens lagen nahe beieinander. Die monumentale Industriestadt Magnitogorsk, die Stalin aus der Steppe stampfen ließ, ließ täglich Tonnen von Ruß und Giftgas über den Bewohnern niedergehen. Im Schatten des gigantischen Metallurgischen Kombinats brachten die Mütter verkrüppelte Babys zur Welt, die später als Kinder und Erwachsene verschmutztes Wasser tranken und verseuchte Luft atmeten. Aber die Stahlstatistik, die stimmte. Und die Menschen waren stolz darauf: Magnitogorsk wurde zum gleißenden Symbol des Aufstiegs der Sowjetunion zur industriellen Weltmacht, die Deutschland besiegte und Amerika Paroli bot. Das ließ man sich etwas kosten.

"Natur", fasst Schlögel die herrschende Einstellung zusammen, "haben wir im Überfluss." So wie die Sowjetbürger auf der Datscha ihren Müll einfach in den Wald kippten, ließ der Staat den großen Aralsee zur Salzwüste vertrocknen und verseuchte ganze Landstriche in Sibirien mit Ölseen und Atommüll – bis heute unbetretbare Todeszonen. "Überall im Lande", schreibt Schlögel, "liegen Trümmer der Megamaschine verstreut."

Teil dieser Maschine war das Verbrechen. Die Repression konnte jeden treffen. Karl Schlögel beschreibt die brutal voraneilende Dynamik des Terrors. Oft seien die Folterer Opfer der nächsten Generation von Folterern geworden. Das düstere Reich der Lager zog sich über das weite Territorium der Sowjetunion hin. Der Wege, Menschen zu beseitigen, gab es viele: Waffen, Hunger, Kälte, Schlafentzug, Todesmärsche und vor allem Arbeit. Beim Bau des Weißmeerkanals starben in mörderischer Akkordarbeit Zehntausende Menschen an Erschöpfung, während zum Ansporn oder zum Hohn große Blasorchester ganze Opern und Märsche an der Baustelle aufführten.

Zur Technologie der Repression gehörte das klassische Telefon aus schwarzem Bakelit und Metall, das sich als des Herrschers schärfstes Schwert erwies. Karl Schlögel widmet dieser Waffe ein ganzes Kapitel. Das Telefon wurde zum Werkzeug des Abhörens und der peinlichen Kontrolle jener privilegierten Sowjetbürger, die eines hatten. Es war für den Führer ein Mittel, seine Befehle zu verbreiten – oder seine Warnungen. Wenn der Genosse Stalin am Apparat war, ahnten Schriftsteller wie Michail Bulgakow, dass sie nicht mehr allzu lange zu leben hatten.

Der Terror als Massenphänomen, die Umsiedlungen, Vertreibungen, der permanente Umbruch und die innere Unruhe des Kommunalka-Daseins änderten sich in der späten Sowjetzeit. Schlögels Buch erschöpft sich nicht in Schrecklichkeiten. Er malt aus, wie der Sowjetbürger sein Leben aushalten konnte. Die Fluchtpunkte: Am Wochenende fuhr der Moskauer in den Gorki-Park, den "Garten für den neuen Menschen", der noch unter Stalin angelegt wurde. Und wem die von oben verordnete Erholung zu staatlich ausfiel, zog sich auf die Datscha zurück, wo die sowjetische Mittelklasse ihre kleinen Freiheiten auslebte. Die breite Masse der Werktätigen bewarb sich um Urlaub im Erholungsheim oder Sanatorium. Wer Glück hatte, bekam eine Erlaubnis für eine Woche am Schwarzen Meer oder an der Ostsee. Die Industrie-Kombinate bauten überall im Land Erholungsheime mit klingenden Namen ("Roter Morgen"), wo der Werktätige dann im Kollektiv ausspannen durfte.

Prägend für die sowjetische Spätmoderne war das kleine Wohnglück im Plattenbau. Die Abermillionen, die durch Kollektivierung und Industrialisierung umgesiedelt und umhergejagt wurden, die in Kommunalkas am Nachbarn verzweifelten, wurden ab den sechziger Jahren in Wohnungen verpflanzt, die Schlögel als "Endpunkt und Zur-Ruhe-Kommen der großen Bewegung" bezeichnet. Als Antwort auf die permanente Wohnungsnot errichteten die Baukombinate Plattenbauten um alle sowjetischen Innenstädte herum. Auch wenn die gleichförmigen Wohnmassive heute klapprig und wenig attraktiv erscheinen mögen, so waren sie doch ein Ort, an dem erstmals ein wenig Intimität möglich wurde. Eine Familie durfte die eigenen vier Wände bewohnen. Hinter den Platten hatte man gar eine eigene Küche, wo jene "Küchengespräche" begannen, in denen die Sowjetmacht erst flüsternd, dann laut lachend infrage gestellt wurde. Eine Untergrundöffentlichkeit entstand. In der Küche begann der Aufbruch der achtziger Jahre, der das ideologische Gebäude zum Einsturz brachte.

Am Ende der archäologischen Reise durch ein untergegangenes Reich könnte man ein Fazit, eine analytische Zusammenfassung, vielleicht eine Gesamtschau erwarten. Die fehlt bei Schlögel. Er schreibt nicht für Leser, die sich auf den letzten Seiten einen Reim aufs ganze Buch machen. Schlögels Idealleser ist der literarische Gourmet, der dort hängen bleibt, wo es ihn verführt, zu lesen, und der sich nicht an der etwas zufällig geratenen Ordnung der Kapitel stört.

Anstatt eines Schlusses präsentiert Schlögel eine Vision. Er beschreibt ein "imaginäres Museum" der Sowjetunion, für das es seiner Meinung nach keinen passenderen Ort gibt als die verschlungenen Korridore der berüchtigten Lubjanka, des Hauptquartiers des Inlandsgeheimdienstes. Eine wahrhaft kühne Idee, die man sich nicht nur vorgestellt, sondern verwirklicht wünschte. Für deutsche Leser zumindest ist diese Idee nun in den imaginären Räumen, großflächigen Bildern, Reportagen und archäologischen Ausgrabungen dieses Buchs Wirklichkeit geworden. Es ist das Museum der untergegangenen Sowjetunion.

Karl Schlögel: Das sowjetische Jahrhundert.
C. H. Beck, München 2017; 912 S., 38,– €, als E-Book 31,99 €