Man muss den jüngsten Coup der Hamburger Stadtentwickler in Augenschein nehmen, um zu sehen, wie es um die wachsende Stadt steht. Die Elbinsel Kleiner Grasbrook wird nun doch bebaut, auch ohne Olympia. Ein landeseigener Hafenbetrieb muss weichen, die Insel wird meterhoch aufgeschüttet, um flutsicheres Bauland zu schaffen – und wofür? Für 3.000 Wohnungen. Nach den Maßstäben der Hamburger Stadtentwicklung reicht das gerade einmal für dreieinhalb Monate.

Zehntausend Wohnungen im Jahr will die Landesregierung bauen lassen, für alle Zukunft, wenn man dem Bürgermeister glauben darf. Auf dem Kleinen Grasbrook sieht man, wie schwer ihr die Suche nach geeigneten Flächen schon heute fällt. Und wo noch Platz ist, da wächst der Protest. Im teuren Winterhude wollen Anwohner den Bau von 109 günstigen Mietwohnungen auf tristen Rasenflächen verhindern, die noch drei Hochhäuser umgeben. Die Umweltschutzinitiative Nabu hat eine Volksinitiative angekündigt, die Grünflächen retten und Bauvorhaben erschweren will.

Hamburg, die wachsende Stadt. Wie lange der Bürgermeister sein Versprechen halten kann, mit dem Wohnungsbau nie wieder aufzuhören, weiß niemand. Einigermaßen sicher ist, dass der Streit um den Wohnungsbau so schnell nicht aufhört. "Die Bürger wollen, dass wir uns diesem – vielleicht – Problem stellen." Das sagte Dirk Kienscherf, Stadtentwickler und Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion, gerade in der Wachstumsdebatte des Landesparlaments.

Dass die Zuwanderung nach Hamburg "vielleicht" ein Problem sein könnte, ist für einen hiesigen Sozialdemokraten schon ein weitreichendes Zugeständnis. Mehr als 10.000 Zuwanderer im Jahr und keineswegs nur Flüchtlinge – bislang sieht die Regierungspartei darin vor allem Chancen: Neue Unternehmen, neue Jobs, neue Steuerzahler, hochwertige Wohnungen anstelle von Nachkriegsbauten, Weltstadtentwicklung statt Regionalplanung – ist doch toll!

Bezahlbare Wohnungen in einer Metropole – in Europa wäre das eine Ausnahme

Es geht um das wichtigste Thema der Stadt, das bestreitet kaum noch jemand, aber die Debatte ist geprägt von Ahnungslosigkeit, Gleichgültigkeit und Unernst. Warum Menschen nach Hamburg ziehen, was das für sie selbst und für die heutigen Einwohner bedeutet und ob diese Entwicklung sich beeinflussen lässt, all das scheint nur wenige zu interessieren.

Hamburg baut. Aber die Stadt hat offenbar vergessen, sich mit ihren Bürgern über die Gründe zu verständigen.

Wenn der Bürgermeister nicht gerade für Olympische Spiele oder andere globale Happenings wirbt, spricht wenigstens er gelegentlich die Schattenseiten des Wachstums an: Verdrängung, Segregation, ein Immobilienmarkt, dessen Angebote vor allem auf wohlhabende Erben und akademisch gebildete Doppelverdiener zielen. "Eine erfolgreiche Metropole, in der das Leben dennoch angenehm und bezahlbar bleibt" – wenn die Hamburger das erreichten, sagt Olaf Scholz, seien sie damit "vielleicht die Einzigen in Europa".

Bislang ist die Stadt von einer solchen Ausnahmestellung weit entfernt. Zehntausend neue Wohnungen im Jahr mögen den Anstieg der Wohnkosten verlangsamen, sie halten ihn nicht auf. Unverändert folgen die hiesigen Mieten den teuersten des Landes, denen in München, im Abstand von ungefähr sechs Jahren. Und jedes Jahr aufs Neue widerlegen die Münchner die Vermutung, es könnte für Wohnraumpreise eine natürliche Obergrenze geben. Enger geht immer. In London drängen sich Menschen zu Tausenden in Garagen und Bretterverschlägen, ergab vor drei Jahren die Auswertung von Luftaufnahmen einer Wärmebildkamera. Beds in sheds, Betten in Schuppen, das ist keine Horrorvision, sondern auf lange Sicht die Fortsetzung eines Wegs, auf dem Hamburg jedes Jahr ein gutes Stück vorankommt.

Warum auch sollte ausgerechnet hier gelingen, was überall sonst scheitert? Dass es angesichts von Wohnungsnot hilfreich sein könnte, neue Wohnungen zu bauen, darauf sind auch andere schon gekommen. Und dass der Städtebau hier "mit größerer Intensität" als überall sonst betrieben werde, wie der Bürgermeister behauptet, ist schlicht falsch. In München, Köln, Frankfurt und Düsseldorf haben sie die gleichen Probleme wie hier und bauen mit der gleichen verzweifelten Entschlossenheit dagegen an.

Was ist so großartig an einer wachsenden Stadt?