In schwarzen Halbschuhen mit Quasten klackert Steve Dagworthy über den Asphalt. Der kleine Mann geht nicht einfach, er stolziert, er bewegt sich, als wäre er noch immer der, der wahlweise Jaguar oder Ferrari fährt, Schuhe von Gucci trägt, einen Tennis- und einen Hubschrauberlandeplatz im Garten hat. Er steigt in sein Auto, schiebt die Sonnenbrille zurück auf die Nase, obwohl es seit Stunden regnet. In einem schwarzen Alfa Romeo fährt er durch die schmalen Straßen der britischen Grafschaft Essex. Er ist auf dem Weg zu dem Ort, an dem er sein altes, luxuriöses Leben hinter sich lassen musste: dem Gefängnis der Stadt Chelmsford. Dagworthy hat ein schwarzes Headset im Ohr, die rechte Hand am Lenkrad. Viertelstündlich klingelt sein Telefon, das Hintergrundbild zeigt ein Foto von seiner Frau und den beiden Kindern, geschossen in Dubai, in besseren Zeiten, in einem Luxushotel.

Der 52-Jährige wurde 2009 wegen Anlagebetrug verurteilt, zu sechs Jahren Gefängnis. Die Hälfte musste er absitzen, den Rest der Strafe verbüßte er unter strengen Auflagen draußen, wie in Großbritannien üblich. Heute verdient er sein Geld damit, andere verurteilte Kriminelle vor und während ihrer Zeit im Gefängnis zu beraten. Seine Firma heißt Prison Consultants. Sein Angebot: ein Survival-Guide für das Leben hinter Gittern. "Dazu gehört, zu verstehen, wie das Leben im Gefängnis funktioniert, den Jargon der Häftlinge zu sprechen oder sich in die Hierarchie einzupassen", sagt Dagworthy.

Wenn das Geld ausgegeben war, wickelte er die nächsten Opfer um die Finger

Gegründet hat er seine Firma 2013, seit einem Jahr, sagt Dagworthy, komme sein Geschäft richtig in Gang. Ob das stimmt, lässt sich nicht überprüfen, wie so vieles, was Dagworthy erzählt. Über 100 Kunden habe er zurzeit, sagt er. Es könnten bald mehr werden. Die Konservative Partei von Regierungschefin Theresa May hat sich das Ziel gesetzt, die Wirtschaftskriminalität stärker zu bekämpfen. 641.539 Anzeigen wurden 2016 in Großbritannien wegen Betrug erstattet, 350 Prozent mehr als noch im Jahr 2011. Auch der schlechte Ruf der britischen Haftanstalten heizt Dagworthys Geschäft an. Die Gefängnisse sind überbelegt, die Zahl der Selbstmorde steigt: Im Schnitt bringt sich in England und Wales rund alle vier Tage ein Häftling um. Es ist die Angst vor solchen Zuständen, die ehemalige Banker und Manager in Dagworthys Büro treibt. Auf seiner Website gibt er ihnen einen Vorgeschmack, erzählt, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sie Drogen angeboten bekommen und Gewalt mitansehen müssen. Es ist ein Geschäft mit der Angst, die Dagworthy mal schürt und mal zu nehmen versucht. "Die Sache mit der Seife in der Dusche ist Unsinn", sagt er. Er habe keine Vergewaltigung miterlebt. Das Schlimmste, was er mitangesehen habe: Sugaring. Dabei wird jemandem heißes, mit Zucker versetztes Wasser über den Kopf gegossen. Das verbrennt und verklebt die Haut. Dagworthy teilt gerade so viel Insiderwissen mit, dass man ihm vertraut, und lässt so viel im Vagen, dass das Gefühl bleibt, ihn zu brauchen.

Neben ihm arbeiten vier weitere Berater für das Unternehmen, sie sind ebenfalls verurteilte Verbrecher, etwa Joyti Waswani, eine ehemalige Sekretärin der Investmentbank Goldman Sachs, die ihre Chefs um vier Millionen Pfund erleichtert hat und 2004 zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Der Guardian nennt sie "Britain’s biggest female fraudster", Großbritanniens größte Betrügerin.

Wer seine Kunden sind, will Dagworthy nicht verraten, nur so viel: "Viele von ihnen sind aus den Medien bekannt." Der Durchschnittskunde sei männlich, über 35, verurteilt wegen Bestechung, Steuerhinterziehung, Kurs- oder Bilanzfälschung und müsse eine Strafe zwischen sechs und acht Jahren antreten. Prominente Fälle gab es in letzter Zeit in Großbritannien genug. Etwa die vier Barclays-Banker, die im vergangenen Jahr zu bis zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurden, weil sie den Interbankenzins Libor manipuliert haben. Vor ihnen wurde bereits der Banker Tom Hayes wegen dieser Zinstricksereien zu elf Jahren Haft verdonnert. "Viel zu lange", findet Dagworthy, seine Kunden seien ja keine "villains", keine Schurken. Dass Freunde, Familie und Kollegen oft nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen, sobald das Urteil gesprochen ist, sei für die Banker und Manager Strafe genug. "Die werden das nicht noch mal tun, auch wenn sie nicht so lange im Gefängnis sitzen."

Steve Dagworthy wirkt überzeugend und ist lustig. Wer neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, hat es schwer, seinem Charme nicht nach wenigen Minuten zu erliegen. In der Urteilsbegründung aber, die im Jahr 2009 durch die Presse ging, zeigt sich ein anderes Bild: Dagworthy wurde verurteilt, weil er als vermeintlicher Fondsmanager 2,2 Millionen Pfund veruntreut hatte. Das Gericht erklärte ihn zum Betrüger, zum Dieb. Er hatte eine Art Schneeballsystem etabliert: Seinen Kunden versprach er, er werde ihr Geld zu hohen Renditen anlegen. Das Geld verprasste er zusammen mit seiner Familie. Wenn es alle war, wickelte er die nächsten Opfer um den Finger. So brachte er Dutzende Menschen um ihr Erspartes. Das Gericht sagte bei der Urteilsbegründung, die Summe von 2,2 Millionen Pfund sei wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs. Das ist wohl auch der Grund, wieso Dagworthy nicht darüber sprechen möchte, was genau er damals getan hat. Der Richter beschrieb ihn als einen "doppelzüngigen, gewandten, überzeugenden Redner und einen vollends unehrlichen Hochstapler". Zusätzlich verbot er ihm für 15 Jahre, ein eigenes Unternehmen aufzumachen – um die Öffentlichkeit zu schützen. Das aber ließ sich umgehen: Dagworthy hat einen Freund zum Geschäftsführer der Prison Consultants gemacht.