Fragen an den Datenanalysten Cort-Denis Hachmeister

DIE ZEIT: Herr Hachmeister, das Centrum für Hochschulentwicklung hat ausgewertet, was sich bei den Studiengängen tut. Eine Erkenntnis: In den vergangenen drei Jahren ist ihre Anzahl um fast 2.000 gestiegen, auf mittlerweile 19.000. Woran liegt das?

Cort-Denis Hachmeister: Zum einen gibt es immer mehr Studierende, zum anderen immer mehr – vor allem private – Hochschulen. Dazu kommt die Akademisierung ehemaliger Ausbildungsberufe, etwa im Gesundheits- und Pflegebereich.

ZEIT: Ist ein Ende abzusehen?

Hachmeister: Irgendwann wird durch den demografischen Wandel eine Decke erreicht, dann dürften es vermutlich wieder weniger Studiengänge werden. Aktuell werden die geburtenschwachen Jahrgänge dadurch ausgeglichen, dass so viele Abiturienten studieren wollen.

ZEIT: Wer blickt bei dieser hohen Zahl an Studiengängen noch durch?

Hachmeister: Die Ausdifferenzierung ist auch eine Reaktion auf eine immer spezialisiertere Welt. Wenn einzelne Studiengänge kein Interesse wecken würden, verschwänden sie wieder. Kein Studiengang überlebt ohne Nachfrage.

ZEIT: Sie haben die neuen Studiengänge auch inhaltlich untersucht. Was ist Ihnen aufgefallen?

Hachmeister: Vor allem die Ausdifferenzierung: Innerhalb der BWL entstehen zum Beispiel Studiengänge wie "Marketing" oder "Kreuzfahrttourismusmanagement", bei den Ingenieuren etwa das "Vakuumingenieurwesen". Weitere Trends sind Hybrid-Studiengänge, die zwei Fächer kombinieren, wie "Biomedizintechnik" oder "History & Economics", sowie themenfokussierte Studiengänge: "Data Science" zum Beispiel oder "Erneuerbare Energien".

ZEIT: Das scheinen zwei entgegengesetzte Entwicklungen zu sein: erstens die spezialisierte Verengung, zweitens die interdisziplinäre Öffnung.

Hachmeister: Die Bologna-Reform hatte zum Ziel, die Studierenden besser für den Arbeitsmarkt auszubilden. Da erscheint ein breites Wissen in mehreren Disziplinen genauso konsequent wie branchenspezifische Studiengänge.

ZEIT: Stichwort "Kreuzfahrttourismusmanagement": Kann so eine Nische nicht zur Falle werden?

Hachmeister: Klar, es gibt die Gefahr des zu engen Blicks. Aber natürlich müssen die Hochschulen der Politik gegenüber auch Rechenschaft ablegen. Wenn sich herausstellt, dass es für einen neuen Studiengang keinen Bedarf gibt, etabliert er sich auch nicht.