Der Mann rief um kurz vor Mitternacht an. Seine Stimme klang jung, fast kindlich. Er sagte, er sei im Wald und habe Tabletten geschluckt. Ob ich am Telefon bleiben könne, bis er gestorben sei?

Fünf Jahre lang habe ich als Freiwilliger für die Telefonseelsorge gearbeitet. Dreimal im Monat saß ich für jeweils fünf Stunden am Telefon und nahm Anrufe entgegen. Bis zu 20 pro Schicht. Aber dieser eine Anruf geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Eigentlich wurde ich für genau so eine Situation zwei Jahre lang geschult. Bevor ich auch nur einen Anruf entgegennehmen durfte, lernte ich unter anderem, mich nicht unter Druck setzen zu lassen. Trotzdem überraschten mich meine Gefühle jetzt: Ich war stinksauer. Wie konnte mir der Mann zumuten, ihn bei seinem Suizid zu begleiten? Ich wollte ihm helfen, klar. Aber zu meinen Bedingungen.

Ich sagte: "Das mache ich nicht. Wenn Sie mit mir sprechen möchten, stecken Sie sich erst den Finger in den Hals, und wenn Sie erbrochen haben, können wir weiterreden." Es war eine intuitive Erwiderung – und sie überraschte den Mann wohl ähnlich wie mich. Er hatte sich Hilfe erhofft, und nun stellte jemand plötzlich Forderungen an ihn. Dann brach die Verbindung ab.

Machte ich mir in diesen Minuten Sorgen um ihn? Ja. Hatte ich Angst, falsch gehandelt zu haben? Nein. Keiner von uns ist allmächtig. Wenn jemand sich wirklich etwas antun will, können wir von der Seelsorge ihn nicht daran hindern. Ich wusste nicht mal, wo der Mann sich aufhielt. Alle Anrufe, die bei uns eingehen, sind anonym. Es gibt keine Nummernübertragung.

Einige Minuten später rief er wieder an. Sagte, er habe sich erbrochen. Das beruhigte mich. Ich fragte: "Was ist los?" Er hatte Beziehungsprobleme, fühlte sich einsam und hilflos. Seine Stimme klang jetzt ruhiger. Ich ermutigte ihn, den Wald zu verlassen. Ich sagte ihm, er solle nach Hause gehen.

Irgendwann war er wieder zu Hause und verabschiedete sich. Er wirkte schon viel gefasster. Als ich auflegte, fiel die Anspannung von mir ab. Ich fühlte mich nicht erschöpft. Eher aufgekratzt und froh, dass das Gespräch gut verlaufen war.

Manchmal denke ich noch an den Mann. Flüchtig, wie man an einen Freund denkt, den man zehn Jahre nicht gesehen hat. Ich bin ziemlich sicher, dass er noch lebt. Er war damals verzweifelt. Aber jemand, der leben will.

Dieser Bericht stammt von einem Mitarbeiter einer Telefonseelsorge in Süddeutschland.

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Protokoll: Jessica Braun