Tennis im Kino – wie soll das denn bitte gehen? Sportfilme haben ja immer damit zu kämpfen, dass die entscheidenden Wettkämpfe, auf die unweigerlich alles zuläuft, oft so lächerlich wirken wie die Boxerei von Sylvester Stallone als Rocky Balboa. Und beim Tennis wird alles noch viel komplizierter durch die Anwesenheit von Ball und Schläger – selbst ein Oscarpreisträger verwandelt sich leichter in den lieben Gott als in einen Wimbledonsieger. Auch zum Sozialdrama taugt der "weiße Sport" nicht richtig. Das traditionelle Vergnügen der besseren Stände bietet kaum den herben Schweißgeruch, den Geschichten von Aufstieg und Fall verbreiten; die Einzelkämpfer auf beiden Seiten des Netzes stehen für wenig mehr als sich selbst und ihren Siegeswillen, sie taugen kaum als Verkörperung von Idealen, Nationen, Weltbildern.

Dennoch kommen in diesem Herbst gleich zwei große Tennisfilme ins Kino. Beide erzählen von sogenannten wahren Begebenheiten, was eine weitere Schwierigkeit mit sich bringt: Man weiß immer schon, wie’s ausgeht. In Battle of the Sexes (Kinostart am 23. November) besiegt Emma Stone als Billie Jean King noch einmal Bobby Riggs (gespielt von Steve Carell) – ganz so, wie es am 20. September 1973 geschah, als die damals beste Spielerin der Welt den bereits 55 Jahre alten früheren Weltranglistenersten und Wimbledonsieger in einem Showkampf der Geschlechter demontierte. Und in Borg/McEnroe (ab dieser Woche im Kino) gewinnt der coole Schwede (gespielt von Sverrir Gudnason) gegen den flegelhaften Amerikaner (Shia LaBeouf) in einem der besten Tennisspiele aller Zeiten noch einmal, wie 1980, seinen fünften Wimbledontitel.

Hinreißend ist die Detailversessenheit beider Rekonstruktionen. Bis in die letzte Masche von Björn Borgs ikonisch gewordenen Schweißbändern, bis hin zu Kings Chefsekretärinnenbrille stimmt einfach alles, die hölzernen Schläger mit dem winzigen Kopf, die Sporttaschen aus Kunstleder, die Muster auf Strickpullundern und Tapeten. Janus Metz hat für sein Regiedebüt Super-8-Aufnahmen nachgestellt, in denen der kleine Björn den Ball stundenlang gegen ein Garagentor drischt. Das Regisseurs-Ehepaar Valerie Faris und Jonathan Dayton setzt bei seinem Geschlechterkampf auf analoges Filmmaterial, um ein authentisch-körniges Siebziger-Jahre-Gefühl zu erzeugen. Und Emma Stone imitiert den leicht windschiefen, immer angriffslustigen Gang von King derart perfekt, als wolle sie damit gleich zur Oscarverleihung stürmen. Selbst die nachgestellten Matchszenen sind in beiden Filmen zum Mitzittern spannend, den tollen Doubles, geschickt gewählten Kamerapositionen und virtuosen Cuttern sei Dank.

Und doch könnten beide Filme unterschiedlicher nicht sein. Borg/McEnroe kommt über das Reenactment kaum hinaus. Zwar sieht der Darsteller Gudnason Björn Borg auf gespenstische Weise ähnlich. Aber die Rivalität mit McEnroe, dessen Darsteller Shia LaBeouf seine mangelnde optische Ähnlichkeit mit einer schönen Dauergereiztheit wettmacht, gibt erzählerisch wenig her, weil sich die beiden vor dem großen Finale so gut wie nie über den Weg laufen. Bleibt der Versuch, zu erklären, wie zwei so unterschiedliche Athleten Nummer eins und zwei ihres Sports werden konnten. Doch mehr als ein bisschen Küchenpsychologie hat der Film nicht zu bieten: Das Kleinbürgerkind Borg steckt zunächst voller Jähzorn, der befeuert wird durch die Herablassung der Bessergestellten in der Welt der Tennisclubs. Weil er Niederlagen hasst (welcher Sportler tut das nicht?), beschließt er auf Ratschlag seines Trainers, den Kopf auszuschalten. Er wird zum Eisborg, einem Zwangscharakter, der manisch seinen Ruhepuls misst und mit seltsamen Ritualen die inneren Dämonen in Schach hält. Das süße Lockenköpfchen McEnroe dagegen wird von seinen Eltern zum Vorzeigeschüler gedrillt; ihrer Kuratel entkommen, spuckt er die angestaute Wut buchstäblich auf dem Tennisplatz aus. Beide Methoden führen offenbar zum Erfolg, am Ende werden die ungleichen Rivalen sogar Freunde. Aber da läuft bereits der Abspann.

King vs. Riggs dagegen verhandelt ein Menschheitsthema: Haben Frauen und Männer gleiche Rechte und Chancen? Um 100.000 Dollar hatte Riggs gewettet, dass er selbst als alter, untrainierter Sack die aktuell beste Spielerin der Welt schlagen würde. Zwar ist das Match eine gigantische Kirmesveranstaltung: King wird von halbnackten Kerlen in ägyptischen Kostümen auf einer Sänfte ins Stadion getragen, während Riggs, der notorisch klamme Glücksspielsüchtige, gegen gutes Geld noch während des Spiels für Lollis Reklame macht. Dennoch nehmen beide die Sache todernst: Sie kämpft für angemessene Preisgelder für Frauen und das Recht auf ein selbstbestimmtes (Liebes-)Leben. Er inszeniert sich als unverbesserlicher Chauvinist und Verteidiger einer weißen Männerwelt (während ihn zu Hause seine viel erfolgreichere Ehefrau aushält). Das ist einerseits saukomisch, andererseits immer noch ziemlich empörend, denn auch 44 Jahre nach diesem Jahrhundertspiel bekommen Frauen bei den meisten Tennisturnieren deutlich weniger Geld als die Männer, von der Gleichberechtigung auf anderen Spielfeldern ganz zu schweigen.

Beim Beginn der Arbeit hätten sie davon geträumt, Battle of the Sexes im Weißen Haus zu zeigen, sagten die Regisseurin und ihr Ehemann bei der Deutschlandpremiere ihres Films. "Wir dachten, Hillary Clinton wäre dann dort und Gleichberechtigung von Mann und Frau endlich auch ganz oben Realität." Jetzt wohnt dort ein Macho, Grapscher, Maulheld, gegen den selbst der frauenfeindliche Provokateur Bobby Riggs aufgeklärt wirkt. Und ein alter, weißer Hollywoodproduzent glaubt noch immer, Frauen seien für ihn bloß Verfügungsmasse. Aktueller also kann ein Film kaum sein, schon gar nicht einer über Tennis.

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