Von Lichterkettenkunst zu sprechen wäre dann doch zu böse. Ein mahnendes, unbedingt gutgläubiges Zeichen wollte Ruben Östlund aber schon setzen, als er 2014 im schwedischen Värnamo ein leuchtendes Quadrat ins Straßenpflaster fräsen ließ. Hier, auf vier mal vier Metern, sollten sich die Menschen der Stadt als befreit empfinden: von Angst, Misstrauen und dem alles vergiftenden Gefühl, sie lebten in einer Gesellschaft, die keine mehr ist, weil jeder nur um sich selber kreist. Die Kunst als letzter Ort der Übereinkunft, so sah Östlund das. 16 Quadratmeter lichtes Vertrauen.

Unterdessen hat der Regisseur und Künstler aus der Idee einen abendfüllenden Spielfilm entwickelt, der so viele Reizpunkte der Gegenwart berührt, dass er in Cannes die Goldene Palme gewann. Obwohl rechte Populisten bei Östlund in keiner Szene auftauchen, erzählt The Square doch von den moralischen Mechanismen, ohne die der Aufstieg eines Alexander Gauland, eines Donald Trump oder auch nur des Verlegers Götz Kubitschek kaum geglückt wäre.

Östlund zeigt eine Gesellschaft, die sich selbst zur Ordnung ruft (politische Korrektheit!) – und die doch nichts mehr erregt als die eigene Erregung (soziale Medien!). Er zeigt, wie das linkskulturelle Milieu um jeden Preis alles richtig machen will (Inklusion!) – und es am Ende doch wieder auf sexuelle Ausbeutung hinausläuft (Harvey Weinstein!). Er zeigt die ganze prachtvolle Scheinheiligkeit des 21. Jahrhunderts und wie ein Museumskurator, weinrote Brille, dazu Socken in Orange, sich hoffnungslos darin verheddert.

In den Kreisen dieses Kurators ist Toleranz das erste Gebot. Wenn ein Kollege seinen quengelnden Säugling mit ins Büro bringt, heißt es, das Gequäke duldsam hinzunehmen. Wenn jemand mit Tourette-Syndrom ein Podiumsgespräch mit Flüchen unterbricht, müssen alle Anwesenden so tun, als sei nichts. Und auch die Kunst soll vor allem befriedend wirken, ein Zufluchtsort.

Mit derben Strichen, parabelhaft im Aufbau, beschreibt Östlund die kreative Klasse als ebenso rechtschaffen wie wirklichkeitsblind. Als dem Kurator sein Handy gestohlen wird, wagt er es nicht, den Dieb direkt zu stellen, sondern schickt anonyme Drohbriefe. Jeder Konflikt wird vermieden, aus Angst, aber auch, weil es sich nicht gehört, Leute vorzuführen.

Unflätig und aggressiv sind bei Östlund nur die Außenseiter: das Kind einer Migrantenfamilie, das sich zu Unrecht verdächtigt fühlt und lauthals aufbegehrt, oder eine Bettlerin, die dem Kurator deutlich zu verstehen gibt, dass sie ihm seine milden Gaben nicht dankt. Es ist der weitverbreitete Hass auf "die Eliten", der in solchen Szenen aufscheint, und man fühlt sich an die Analysen des Soziologen Andreas Reckwitz erinnert, der eine "Neue Mittelklasse" entstehen sieht, die mit ihren Vorstellungen vom guten Leben nicht allein die Aversionen des AfD-Milieus weckt (Die Gesellschaft der Singularitäten, bei Suhrkamp).

Es ist eine Klasse, die kulturell definiert ist: Man interessiert sich für gesundes Essen, achtet auf den Körper und weiß um die jüngsten Trends in Kino und Museum. Worauf es ankommt, sind Selbstentfaltung, Kosmopolitismus und die Pluralisierung der Lebensentwürfe. Nicht zufällig wird die Kunst zur zentralen Arena dieser Wertegemeinschaft.

Der Kunsttheoretiker Wolfgang Ullrich spricht in einem gerade erschienenen Essay sogar von einem "Werteadel", der sich über ein "Werteproletariat" erhebe (Wahre Meisterwerte, bei Wagenbach). Ein "moralisch-ideelles Wohlstandsgefälle" durchziehe die Gegenwart, und Ullrich erkennt darin den "Übergang von einer sollens- und tugendethisch formierten Gesellschaft hin zu einer wertethischen Ordnung". In dieser Ordnung reicht es nicht länger, sich gut und richtig zu verhalten, der Einzelne soll und muss sich zum Guten und Richtigen auch bekennen. Und kaum etwas scheint sich für solche Bekenntnisse besser zu eignen als die bildende Kunst.