Dem Verkäufer in einem Prager Waffengeschäft wird sein Job allmählich selbst mulmig. "Es geht hier zu wie im Wilden Westen. So viele Waffen in so einem kleinen Land ..." Und die Leute deckten sich weiter ein, sagt er. Gewehre, Pistolen, Revolver, alles, was das liberale tschechische Waffenrecht erlaubt, verkaufe sich seit Monaten rasant. Manche Kunden, auch junge, hätten inzwischen vier, fünf Pistolen zu Hause, "und ich spreche nicht von Jägern". Wozu die private Rüstung? "Tja, das ist diese Mentalität ... Fragen Sie am besten einen Psychologen."

Man könnte auch den Mann fragen, der sich Ende dieser Woche zum Ministerpräsidenten der Tschechischen Republik wählen lassen will und dessen Anhänger die Bürger auffordern, sich Waffen zuzulegen – wegen all der Migranten, die nach Europa strömten.

Der Mann heißt Andrej Babiš, ist Milliardär, Medienbesitzer und Ex-Finanzminister der gegenwärtigen Prager Mitte-links-Koalition. Im Mai musste Babiš aufgrund von Betrugsvorwürfen das Kabinett verlassen. Der 63-Jährige hat laut Umfragen trotzdem die besten Chancen, mit seiner Bewegung ANO eine deutliche Mehrheit von rund 30 Prozent der Stimmen zu holen – und für ein Interview leider keine Zeit. "ANO" ist das tschechische Wort für "Ja" und steht als Abkürzung für "Aktion unzufriedener Bürger". Bei der Parlamentswahl im Jahr 2013 erreichte sie auf Anhieb 18,6 Prozent der Stimmen. Dieses Mal will Babiš "das größte Arschloch, das ich je kennengelernt habe", ablösen. So nannte der ANO-Chef auf Tonbandmitschnitten, die im Frühjahr öffentlich wurden, den noch amtierenden sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Bohuslav Sobotka.

Die Angst geht um. Vor Terror, Merkel und Muslimen

Was ist das nun wieder? Reiht sich Tschechien, das man bisher eher als Brückenbauer zwischen Ost und West sah, jetzt ein in die Gruppe der populistisch regierten Staaten Mittelosteuropas? Bilden die so genannten Visegrád-Staaten Polen, Ungarn, Slowakei und Tschechien demnächst eine Wagenburg gegen eine veränderungssüchtige West-EU, deren Offenheit ihnen erst die talentierte Jugend stahl und jetzt Muslime aufzwingen will?

Um mit den Unterschieden zu beginnen: Andrej Babiš’ "Bewegung" ("Parteien" seien die anderen) fehlt der religiös-nationalistische Furor, mit dem Jarosław Kaczyński in Polen und Viktor Orbán in Ungarn auftreten. Das politische Profil von ANO ist ungefähr so eindeutig wie das Angebotsortiment von Amazon. Wie der Onlinehändler verspricht die Babiš-Partei Effizienz: Die Lieferung erfolgt so schnell und so billig wie möglich. In einem im Sommer erschienen Buch mit dem Titel "Wovon ich träume, wenn ich zufällig mal schlafe" rollt Andrej Babiš seine Vision aus; er will den Staat genauso regieren wie eine Firma, mit sich selbst und anderen starken Männern und Frauen als CEOs. Das Parlament müsse dazu um die Hälfte der 200 Abgeordneten verkleinert werden, der Senat (die zweite Kammer) abgeschafft und gewählten Bürgermeistern "erleuchtete lokale Bosse" als Manager zur Seite gestellt werden.

Liberale Journalisten vergleichen Babiš mit Berlusconi oder Trump und warnen, er träume in Wahrheit von der Liquidation des Parlamentarismus. Unsinn, entgegnen seine Anhänger. "Babiš findet nur, dass es keine so hohen Gebühren für die Demokratie braucht", sagt ein ANO-Parlamentskandidat, "das Bild vom Staat als Firma ist bloß eine Chiffre." Babiš verstehe sich als Unternehmensberater, der eine träge und korrupte politische Kultur aufmischen wolle.

Korrupt. Das ist das häufigste Wort, das Tschechen gebrauchen, wenn man sie nach dem Zustand ihrer Demokratie fragt. Im Rückblick auf die vergangenen drei Jahrzehnte scheint es, als hätten sich die ehemaligen Ostblockländer zwar den Parlamentarismus übergrestreift, es aber versäumt, sich um die moralischen Voraussetzungen der Demokratie zu bemühen. Der ehemalige tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg findet eine einfache Erklärung dafür: "Weil wir nie eine liberale Revolution hatten."

Das verbreitete Misstrauen aus der kommunistischen Zeit sei nie durch einen kooperativen Gesellschaftsgeist ersetzt worden, glaubt auch der ehemalige Ministerpräsident Vladimír Špidla, der als Berater für den gegenwärtigen Regierungschef arbeitet. Ebenso wenig seien die Ex-Kommunisten verschwunden, im Gegenteil, viele von ihnen seien heute Oligarchen. Er denke in letzter Zeit oft an ein altes französisches Lied, sagt Špidla, das so gehe: "Ich stritt mich mit meiner Frau. Dann kam die Revolution. Ich streite mich immer noch mit meiner Frau. Ich will noch eine Revolution."