DIE ZEIT: Frau von der Leyen, wie geschwächt ist die Kanzlerin, nachdem die CDU nun auch noch die Wahl in Niedersachsen verloren hat?

Ursula von der Leyen: Wir hatten jetzt vier Landtags- und eine Bundestagswahl. Viermal hat die Union gewonnen, einmal konnte sie sich aus der Herausfordererrolle gegen einen weitgehend soliden Amtsinhaber nicht durchsetzen.

ZEIT: Sie kommen aus Niedersachsen, Ihr Vater war 14 Jahre Ministerpräsident. Wie konnte die CDU einen Vorsprung von 12 Prozent verspielen?

Von der Leyen: Umfragen aus dem Sommer sind eben keine Landtagswahl im Herbst. Die Frage ist doch immer, ob sich eine Wechselstimmung aufbaut. Die gab es sehr wohl in Kiel und Düsseldorf, aber nicht in Hannover. Stephan Weil hat gezeigt, dass Wahlen in der Mitte gewonnen werden können, ohne zugleich die AfD groß zu machen.

ZEIT: Manche in der CDU führen das schlechte Wahlergebnis in Niedersachsen auch auf den Abend der Bundestagswahl zurück, als man die Verluste zu einem strategischen Sieg schöngeredet habe. Teilen Sie diese Meinung?

Von der Leyen: Nein. Sonst hätte die AfD als Protestpartei Nummer eins in Hannover nicht ihr Bundesergebnis halbiert. Die Niedersachsen-CDU hat fast auf den Punkt genauso viel Stimmen geholt wie 2013. Die Niedersachsen-SPD hat klug reagiert, nach dem Debakel auch ihres Landesverbandes bei der Bundestagswahl nicht kleinmütig aufzutreten, sondern selbstbewusst die Landesthemen zu beackern. Das hat sich ausgezahlt.

ZEIT: Welche Wahl hat die größeren inhaltlichen Konsequenzen für die CDU: die Niedersachsen-Wahl oder die Wahl in Österreich?

Von der Leyen: Sebastian Kurz hat einen fulminant modernen Wahlkampf geführt, das war beeindruckend. Aber wir sollten auch nicht ausblenden, dass die stramm rechte FPÖ enorm von der aufgeheizten Atmosphäre profitiert hat und nur wenige Prozente hinter der ÖVP gelandet ist. Klar, bei der inneren Sicherheit und Integration müssen wir die Probleme lösen. Aber Wohl und Wehe unseres Landes hängen doch ebenso ab von Digitalisierung, Fachkräften, sozialer Balance und einem stabilen Europa. Da spielt die Musik in den kommenden Jahren. Da geht die Union jetzt mit Mut ran.

ZEIT: Die Welt steht nicht still, während in Deutschland nun sehr lange nach einer neuen Regierung gesucht werden wird. Können wir uns so viel Stillstand leisten?

Von der Leyen: Wir sind weiterhin sichtbar und hörbar. Das sehen Sie daran, dass die Bundeskanzlerin diese Woche schon wieder beim Europäischen Rat in Brüssel ist. Durch die Vorschläge des französischen Präsidenten Macron zur Zukunft der EU ist eine Dynamik entstanden, die wir auch nutzen wollen. Ihren Eindruck kann ich nicht teilen.

ZEIT: Internationale Diplomaten sagen uns, es sei ein echtes Problem, dass womöglich bis in den Januar nicht klar ist, wer neuer Außenminister wird und ob Sie Verteidigungsministerin bleiben.

Von der Leyen: Sorry, das ist Demokratie und kein Drama. Die Bundeskanzlerin genießt in aller Welt ein sehr hohes Ansehen – nicht zuletzt deshalb wurde sie erneut gewählt. International werden ihre Führungsfähigkeit und ihre Problemlösungskompetenz gewürdigt. Ihre Präsenz ist ungebrochen.

ZEIT: Wäre ein Außenminister Cem Özdemir im Verhältnis zur Türkei eher Trumpf oder Belastung?

Von der Leyen: Die Türkei wird den nächsten deutschen Amtsträger – ob Mann oder Frau – akzeptieren müssen. Das ist eine Frage des Respekts.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt, Verteidigungsministerin zu sein sei der schwierigste Job, den Sie je innehatten. Umso glücklicher müssten Sie doch sein, bald ein anderes Ressort zu übernehmen.

Von der Leyen: Nein, auch ein schwieriger Job kann sehr erfüllend sein.