Keiner wollte es wahrhaben, aber spätestens seit dem Sommer haben sich die Grünen darauf eingestellt, dass sie aus dem Parlament fliegen könnten – und entsprechende Vorkehrungen getroffen. Nach dem erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Jahr war die Bundespartei ausgezehrt, Mitarbeiter sprangen ab, und dazu drückten die hohen finanziellen Verpflichtungen aus der elf Monate langen Kampagne. Und weil mit dem Rauswurf aus dem Parlament auch die staatliche Parteiförderung wegfällt, das Loch in den Kassen also noch größer wird, wurden vorsorglich Haftungserklärungen vorbereitet, damit die Landesorganisationen für die Schulden der Mutterpartei geradestehen können.

Aus der engsten Parteiführung drang davon nichts. Die Grünen überhörten bis zuletzt und hartnäckig sämtliche Hinweise, ihr Einzug könnte gefährdet sein. In den vorbereiteten Stellungnahmen für den Wahlabend, die intern verschickt wurden, waren drei Szenarien vorgesehen: vier bis sechs, sechs bis acht und acht bis zehn Prozent. Dass die Vierprozenthürde nicht erreicht werden könnte, wurde ignoriert.

In den Tagen nach der Wahlniederlage hofften viele Grüne noch, dass sich der Einzug in den Nationalrat ausgehen könnte. Doch bei Redaktionsschluss der ZEIT am Dienstagabend sah es nicht mehr danach aus. Spätestens ab der zweiten Hochrechnung stellte sich die einst erfolgreichste Grünpartei Europas auf ihre neue Rolle als außerparlamentarische Opposition ein – und am Dienstagnachmittag bestellten sie schließlich ihre Parteispitze neu.

Nach dem Abschied von Ulrike Lunaceks und dem Rückzug von Ingrid Felipe nach Tirol soll nun Werner Kogler die Bundespartei abwracken. Er muss den Parlamentsclub auflösen und mehr als 100 Mitarbeiter kündigen. Gleichzeitig muss Kogler die Partei neu aufbauen – inhaltlich und personell. Sollte ihm das nicht bis zu den wichtigen Landtagswahlen im nächsten Jahr gelingen, könnten die Grünen für lange Zeit von der Bundesebene verschwinden und durch die Liste Pilz ersetzt werden.

In den kommenden Monaten werden die Grünen zu einer föderalen Partei mutieren, getragen von den Ländern und durchzogen von tiefen Gräben. Kogler muss also zunächst einmal all die Konflikte lösen, die zu lange einfach nur zugedeckt wurden.

Von diesen internen Spannungen, öffentlich ausgetragen, profitierte der abtrünnige Peter Pilz; seine Liste schaffte es in den Nationalrat. Während die Grünen in vielen Ländern in Koalitionsregierungen sitzen und dort auch unpopuläre Maßnahmen wie die Kürzung der Mindestsicherung mitgetragen haben, kann Pilz nun den linken Seelentröster spielen, den echten Grünen, der nicht weich gespült wurde, sondern kantig blieb, ursprünglich, und der die Probleme anspricht, mögen sie auch noch so politisch unkorrekt sein.