Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Das wars. Zwei Wahlen in drei Wochen. Nicht nur Parteien haben verloren oder gewonnen. Menschen haben sich zur Wahl gestellt. Sie haben um Mandate konkurriert. Für viele Wähler bleibt von diesen Menschen nicht mehr als ein Gesicht auf Wahlplakaten, leicht zurechtgemacht, mit kompetent-zugewandt-unverzagtem Blick. Jetzt hängt das Bild schief oder wurde vom Herbstwind auf den Bürgersteig geweht. Passanten steigen achtlos darüber hinweg. Nichts ist so von gestern wie Wahlwerbung nach der Wahl. Viele ziehen nun in die neuen Parlamente ein. Doch andere haben es nicht geschafft. Manche kämpften auf verlorenem Posten. Sie wussten, dass es knapp würde oder fast aussichtslos war . Andere waren sich ganz sicher. Über den Listenplatz ihrer Partei würden sie es schaffen. Monatelang haben sie in einem Ausnahmezustand gelebt.

Wahlkampfmodus, das ist eine Grenzerfahrung. Händeschütteln, bis es wehtut. Innerparteiliche Auseinandersetzungen bestehen, bei Regen vor Baumärkten stehen, Vorträge halten, auf Podien sitzen, vor allem: mit Menschen reden, für die eigenen politischen Ideen werben. Die Familie muss mitziehen und merkt oft erst in der heißen Phase vor der Wahl, was es bedeutet, wenn ein Elternteil, ein Partner, ein guter Freund, ein Kind in die Politik geht. Das E-Mail-Fach quillt über von menschenverachtenden Pöbeleien. Kinder werden auf dem Schulhof bespuckt, Lehrer machen dämliche Kommentare.

Politiker-Bashing gehört zum bösen Ton der Alltagsgespräche, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat. "Die da oben" stehen daneben. Wer kandidiert, muss viel aushalten können: die Wochenenden durcharbeiten, Abendtermine gleich für die ganze Woche einplanen, jedenfalls in Deutschland. Wer das Wahlvolk repräsentieren will, muss immer ansprechbar sein und kann es nie jemandem recht machen. Volles Risiko auf dem Weg in einen anderen Beruf, dazu auf Abruf, mit Frist im Blick. Nun fallen die, die es nicht geschafft haben, in ein Loch aus Müdigkeit und Leere, müssen Häme und blöde Kommentare ertragen und sich eine neue Perspektive für ihr Leben suchen. Ihnen sei gedankt für ihren Einsatz, ihren Mut und ihren Willen, unser aller Gemeinwesen nach bestem Wissen gestalten zu wollen.