Gewaltig ist seine Macht heute schon. In ein paar Tagen wird sie noch größer sein. Xi Jinping wird in den Rang eines Mao Zedong aufgestiegen sein. Oder doch in den eines Deng Xiaoping. Dritter nach dem Republikgründer und dem großen Reformer: Dies ist der Platz, den Chinas Parteichef im Pantheon der Volksrepublik für sich reklamiert. Und kein Rivale in Sicht, der ihm diesen Rang streitig machen würde. Auf dem 19. Parteitag der KP, der an diesem Mittwoch in Peking begonnen hat, steht Xi im Zenit seiner Karriere.

Seit fünf Jahren führt Xi Jinping die chinesischen Kommunisten. Im Herbst 2012 wählte ihn der 18. Parteitag zum Generalsekretär. Wenige Monate später übernahm er auch das Amt des Staatspräsidenten. Er wurde Vorsitzender der Zentralen Militärkommission – vielleicht die mächtigste Position von allen – und setzte sich in den folgenden Jahren an die Spitze einer ganzen Reihe von "Führungsgruppen" der Partei zu Wirtschaft, Finanzen und Reformpolitik. Kurz gesagt: Xi ist heute "Vorsitzender von allem", wie die Chinesen spotten.

Wenn sie sich denn zu spotten trauen. Und wenn sie nicht betäubt sind von Propaganda und Personenkult, wie China sie nicht mehr kannte, seit die Sonne des Großen Steuermanns Mao über dem Land leuchtete. Inzwischen ist Xi auch ganz offiziell der "Kern", um den sich die Partei schart, und der "Oberbefehlshaber" der Streitkräfte, ein Titel, den es in der Volksrepublik zuletzt 1954 gab.

"Übermäßige Konzentration der Macht tendiert zur Willkürherrschaft von Einzelnen auf Kosten der kollektiven Führung", hat Deng Xiaoping in einer Rede 1980 gesagt. Von der kollektiven Führung, einer der wichtigsten politischen Errungenschaften der Reformära, verabschiedet sich China unter Xi Jinping gerade.

Beim Kampf gegen die Korruption traf es auffallend oft die Rivalen Xi Jinpings

Mitte kommender Woche wird in Pekings Großer Halle des Volkes ein vertrautes Ritual zu beobachten sein. Hinter einem Vorhang nehmen die neu gewählten Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros Aufstellung und treten dann im Gänsemarsch auf die Bühne. Der 64 Jahre alte Xi Jinping wird einer Gruppe von (voraussichtlich) sechs Männern voranschreiten, die ihm alle treu ergeben sind. Das war 2012 noch anders. Da musste sich der neue Parteichef mit den Seilschaften seiner beiden Vorgänger Jiang Zemin und Hu Jintao arrangieren.

Heute herrscht Xi unumschränkt. Die "Shanghai-Fraktion" Jiang Zemins und Hu Jintaos Fraktion der Kommunistischen Jugendliga liegen am Boden. Xi habe sie vollständig "marginalisiert", sagt Willy Lam, Professor für Chinastudien an der Chinese University in Hongkong und einer der besten Kenner der KP. "Zwanzig Jahre lang haben diese beiden Fraktionen in der chinesischen Politik den Ausschlag gegeben, jetzt sind sie nur noch ein Schatten ihrer selbst."

Xi Jinping ist ein Virtuose der Macht. Ein Spross der roten Aristokratie – sein Vater war ein Weggefährte Maos und gehörte 1949 zu den Gründern der Volksrepublik –, hat er sich das Ziel gesetzt, die Kommunistische Partei vor dem Niedergang zu bewahren. Als er 2012 sein Amt antrat, war die Partei von Korruption zerfressen, Zynismus machte sich in ihren Reihen breit. Es war kein Ehrentitel mehr, in China Kommunist zu sein.

Xi hat der Korruption den Kampf angesagt, den "Tigern" wie den "Fliegen", den großen wie den kleinen Postenjägern und Schmarotzern. Mehr als 1,3 Millionen Funktionäre und Beamte gerieten seither in die Fänge der allmächtigen Disziplinarkommission, verloren ihre Pfründe und wanderten zu Tausenden ins Gefängnis; jene, die es am schlimmsten getrieben hatten, erwartete die Todesstrafe. Es traf Minister, Provinzfürsten, Politbüromitglieder und höchste Generäle. Wang Qishan, der Chef der Disziplinarkommission, räumte gnadenlos auf.

Natürlich verlor er dabei die politischen Interessen seines Herrn nicht aus dem Auge. Wie es sich fügte, wurden auffallend oft die Rivalen Xi Jinpings ertappt. Der Kampf gegen die Korruption war auch ein Kampf um die Macht. Und aus diesem ist die Fraktion Xis siegreich hervorgegangen. Man wird in den kommenden Jahren an der Spitze Chinas viele Funktionäre aus den Provinzen Fujian und Zhejiang finden. Dort war Xi Jinping tätig, bevor er 2007 nach Peking gerufen wurde, dort sammelte er die Vertrauten um sich, mit denen er heute das Land regiert.

Die Partei hat er gerettet. Xi Jinpings Trauma war die Implosion der Sowjetunion. Ohne Gegenwehr, so nahm er es wahr, ergaben sich dort die Kommunisten ihrem Schicksal, alle Kraft wich quasi über Nacht aus der einst allmächtigen KPdSU. Nie sollte Chinas KP so enden.