Das könnte der Stoff sein, aus dem Revolutionen gemacht werden. Tania Singer, 47, Deutschlands führende Hirnforscherin, hat die Ergebnisse ihrer Forschungsreise ins "soziale Gehirn" des Menschen veröffentlicht. Die Direktorin für Soziale Neurowissenschaft am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften wollte wissen: Können wir durch mentales Training gesünder werden und mehr Empathie schöpfen?

Gefühle, so Singer, bilden sich im Hirn ab – ebenso wie Sprache, Denken oder Wahrnehmung. So wie wir Oberarmmuskeln trainieren, können wir – etwa durch Meditation – auch das Gehirn in Form bringen: Wir werden dadurch aufmerksamer, können unser Herz öffnen oder Abstand zu einer überwältigenden Gedankenflut gewinnen. "Am Ende", sagt Singer, "entstehen wissenschaftlich fundierte Programme, um Qualitäten wie Mitgefühl auf der Welt zu stärken."

Schon als junge Professorin wollte sie wissen, wie wir uns in Beziehungen verhalten und uns gegenseitig beeinflussen. Im Hirnscanner sah sie, dass Menschen mitleiden, wenn andere Schmerz empfinden. Singer lernte auch, dass Menschen anderen mehr vertrauen und mit ihnen kooperieren, wenn sie zuvor über Mitgefühl meditiert haben. Meditation öffnet den Geist.

Um das zu beweisen, hat Singer das "ReSource Project" mit mehr als 300 Testpersonen begründet, das sogar ein eigenes Häuschen an der Humboldt-Universität in Berlin belegt. Die meisten Probanden, im Schnitt 43 Jahre alt und berufstätig, durchliefen dabei ein Trainingsprogramm von fast einem Jahr. Sie meditierten regelmäßig mit spezialisierten Lehrern und übten sechs Tage pro Woche zu Hause. Nach jeder Etappe durchleuchtete Singers Team ihre Gehirne, testete ihr Verhalten und untersuchte ihr Blut.

Zunächst war Achtsamkeit das Ziel, also aufmerksam und ruhig im Hier und Jetzt zu stehen. Dann konzentrierten sich die Versuchspersonen auf soziale Emotionen wie Mitgefühl und Dankbarkeit. Zum Schluss übten sie, sich selbst und die Gedanken der anderen besser zu verstehen. Zu ihren sozialen Übungen gehörte etwa, dass sich je zwei von ihnen übers Telefon und auch persönlich austauschten. Erst redetet der eine (zum Beispiel darüber, was ihn dankbar mache), dann sprach der andere. Wer zuhörte, durfte nicht unterbrechen, nicht kommentieren, nicht einmal nicken. Den anderen wirken zu lassen und seine Perspektive einzunehmen war die Aufgabe.

Durch das mentale Fitnesstraining der 300 Personen entstand ein gewaltiger Datenschatz. Was sich aus ihm lernen lässt, haben Singer und Co. nun veröffentlicht: Meditieren versetzt Menschen demnach nicht nur vorübergehend in friedfertige Stimmung oder macht sie kurzzeitig aufmerksamer und sozialer – nein, es stärkt messbar und nachweisbar ganz bestimmte Verbindungen im Kopf. Wie das Sixpack am Bauch wachsen gewissermaßen die Muskelmassen des Geistes. Je nachdem, was trainiert wird, schwillt ein anderer Teil des Hirns an. Auch die Verhaltenstests zeigen: Die Trainingseinheiten wirken.

Nur die Bluttests zeigen nicht sofort eine Veränderung: Das Auftreten des Stresshormons Cortisol bleibt durch Achtsamkeitsmeditation unverändert. Die innere Unruhe zurückzudrängen gelingt erst mit sozialem Training – vielleicht weil das Kommunizieren zu zweit die jedem innewohnende Angst lindert, vom anderen verurteilt zu werden.

Singers Forscher meditierten bei ihren Treffen auch selbst. Regelrecht "freudvoll" sei es im Team zugegangen, sagt die Chefin, und die Entscheidungen seien weitsichtiger ausgefallen als in den klassischen Businessmeetings, bei denen jeder nur auf sich selbst schaut. Ihre zentrale Botschaft: Auch bei Erwachsenen lassen sich Vorlieben und Verhalten noch nachhaltig verändern.

Homo oeconomicus

Das stützt eine Idee, die westliche Neuroforscher und Tibet-Buddhisten ebenso vereint wie Psychologen und alternative Wirtschaftsexperten. Eine Idee, die angesichts der doppelten Herausforderung durch den Turbo-Kapitalismus und den Turbo-Egomanen Donald Trump an Dringlichkeit gewinnt: Der Markt heizt den Egoismus und das Konkurrenzdenken in uns an, Nationalpopulisten predigen Abschottung und das Gegeneinander der Völker und Volksgruppen. Umfragen belegen fast überall im Westen, dass der Narzissmus in der Bevölkerung wächst.

"Wir können dagegenhalten", versprechen die Kämpfer der neuen Selbstlosigkeit. Wenn die Menschen von klein auf das Mitgefühl kultivieren, wenn Unternehmen und Gesellschaft so organisiert werden, dass der Nette nicht der Angeschmierte ist, dann entsteht eine Gegenbewegung hin zu neuer Solidarität.

Was ist dran an dieser Idee? Lässt sich eine Mitgefühlsrevolution vom Zaun brechen?

Der Markt spricht auf den ersten Blick dagegen. Seine Dynamik weckt Konkurrenz- und Kampfgefühle, das zeigen Experimente. Demnach achten Menschen kaum darauf, welches Leid ihr Handeln anderen bringt, wenn sie sich im Marktgeschehen bewegen. Die meisten wollen gewinnen, Kollateralschäden werden in Kauf genommen. Die anderen werden in den Wettbewerb hineingezogen, weil sie sonst die Verlierer sind. So erfüllt sich die Erwartung selbst, dass im Markt jeder sich selbst der Nächste ist. Und als Wert bleibt das Motto aus dem Filmklassiker Wall Street: "Gier ist gut."

Tatsächlich ist das ein Teil der Wahrheit, aber eben nur ein Teil. Der Kapitalismus schafft dem Menschen nämlich auch den Raum, etwas für die Gemeinschaft zu tun. In Deutschland engagieren sich laut Statistiken der Bundesregierung über 40 Prozent der Bürger ab vierzehn Jahren ehrenamtlich: trainieren Kinderteams im Fußball, teilen an der Armentafel Essen aus oder kämpfen bei Greenpeace fürs Klima. Zur Jahrtausendwende waren es noch gut 30 Prozent.

Arbeitgeber und Demoskopen berichten, dass junge Talente der sogenannten Generation Y, heute zwischen 20 und 40 Jahren alt, wissen wollen: Wo engagiert sich mein Arbeitgeber? Und vor allem: Kann ich mich bei meiner Arbeit auch selbst für die Gesellschaft engagieren? Junge Bundesbürger mit Gründergeist haben die Zahl jener Sozialunternehmen, die mit wirtschaftlichen Mitteln gesellschaftliche Missstände beheben wollen, in einem Jahrzehnt von ein paar Hundert auf mindestens 1.700 emporschnellen lassen.

So einfach ist es also nicht mit dem Bild vom egoistischen Menschen, dem Homo oeconomicus. Die meisten werden in Wirklichkeit von verschiedenen inneren Strömungen hin und her gerissen. Sie sind keine Egomaschinen, können aber auch nicht wie die Ameisen zusammenarbeiten und alles dem Gruppenziel opfern. Ein Widerstreit zwischen Selbstsucht und Mitgefühl macht die menschliche Natur aus, auch in der scheinbar so rationalen Welt der Wirtschaft.

Man kann das an sich selbst im Arbeitsalltag beobachten. Zunächst wollen Menschen vorankommen und dafür sogar andere "schlagen", aber sie wollen auch das Gegenteil: anständig und hilfreich sein. Was sie gerade motiviert, wird nicht bloß im Innern entschieden. Es hängt auch davon ab, ob sie ihrerseits fair behandelt werden. Die Verhaltensforscher unter den Ökonomen bitten die Testpersonen zum Ultimatum-Spiel, um diesem Zwiespalt nachzugehen.

Soziale Haltung wird gemacht

Ein simples Spiel, das es aber in sich hat. Die Teilnehmer werden in zwei Gruppen geteilt, Geber und Nehmer. Dann werden je ein Geber und ein Nehmer per Computer gepaart, wobei sie anonym bleiben. Der Geber erhält zehn Euro und darf entscheiden, wie er sie mit dem Partner teilt. Doch der hat selbst eine aktive Rolle. Er entscheidet, ob er das Angebot annimmt oder nicht. Ist ihm das Angebot zu dürftig und er lehnt ab, erhält keiner von beiden einen Cent.

Der Witz an der Sache: Ein kühl rechnender Nehmer müsste schon mit einem einzigen Euro zufrieden sein. Das ist besser als nichts, und was der andere behält, könnte ihm egal sein. Ist es aber nicht. Tatsächlich erwarten die Nehmer durchschnittlich zwei bis drei Euro, die Geber hingegen bieten zwischen drei und vier Euro – die meisten Deals kommen also zustande. Alle wissen: Die Fairness des anderen beeinflusst mein Verhalten jenseits des Zahlenkalküls. Kein Spiel haben die Experimentalforscher öfter spielen lassen, mit verschiedensten Gruppen in verschiedensten Ländern und auch mit deutlich höheren Geldbeträgen – das Ergebnis ist fast immer gleich.

Ein verwandtes Experiment, das Diktator-Spiel, ist noch überraschender. Es funktioniert genauso wie das vorige, bloß haben die Nehmer keinerlei Macht und müssen akzeptieren, was kommt. Doch selbst jetzt geben die meisten Spieler noch einen erheblichen Teil ihrer zehn Euro ab, oft zwischen zwei und drei Euro. Strafen haben sie nicht zu befürchten, nicht einmal böse Blicke oder einen Ruf als Raffzahn – viele wollen gegenüber den Nehmern einfach anständig bleiben.

"Seit den achtziger Jahren haben wir gelernt, menschliche Motive zu verstehen", sagt der österreichische Professor für Mikroökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung Ernst Fehr. Schon als junger Ökonom experimentierte er im Labor zur Zwischenmenschlichkeit und maß später auch die Gehirnströme seiner Teilnehmer. Der 61-Jährige ist ein Dauerfavorit für den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaftler.

Dabei interessiert Fehr weniger, was die Leute sagen, als wie sie handeln. Erst in den Taten spiegeln sich für ihn die wahren sozialen Motive: von Hilfsbereitschaft bis Neid, vom Kooperationswillen bis zum Bedürfnis, Unfairness zu bestrafen.

Eines hat Fehr gelernt: Soziale Haltungen bestehen nicht, sie werden gemacht – hergestellt von der Gesellschaft, in der wir leben. Von Organisationen. Von uns selbst. Fehrs Lieblingsexperiment dazu stammt von seinem Schüler Armin Falk. Der Bonner Verhaltens- und Gerechtigkeitsforscher "will verstehen, wie wir werden, was wir sind" – also wie sich Persönlichkeit entwickelt und welchen Einfluss die Herkunft darauf hat.

Unter erheblichem Aufwand hat Falk im Feldversuch mit Achtjährigen untersucht, wie man deren Sozialverhalten stärken kann. Den Impuls gaben sogenannte Kindermentoren vom Programm "Balu und Du". Die Testfamilien bekamen etwa ein Jahr lang einmal pro Woche Besuch von einem Mentor, der ausschließlich fürs Kind da war. Der Besucher vermittelte das Gefühl: "Da kommt jemand, um mich zu sehen, eine Art großer starker Bruder wie Balu, der Bär." Die beiden lernten nicht etwa – es sollte ja nicht um Schulnoten gehen, sondern um Persönlichkeit. Also ging man zusammen in den Zoo, Eis essen, Fußball spielen, las ein Buch, kochte oder unterhielt sich nur.

Die kleine Intervention hatte großen Erfolg: Die besuchten Kinder kümmerten sich fortan mehr als zuvor um andere, arbeiteten besser mit ihnen zusammen, gingen mit mehr Vertrauen auf andere zu. Sie wurden "prosozialer", wie Forscher das nennen. Das macht die Menschen nicht nur gesünder, sondern gilt heute mehr denn je als Kernkompetenz auf dem Arbeitsmarkt. Wer "prosozial" ist, verdient im Schnitt deutlich mehr. Der Gütige gewinnt.

Welche Art von Menschen produziert eine Gesellschaft?

Und das Beste: Von dem Programm profitierten vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien. Waren sie zuvor ihren Altersgenossen deutlich hinterhergehinkt, schloss sich die Lücke im Sozialverhalten durch das Experiment. Gleichzeitig stieg die Wahrscheinlichkeit an, dass diese Kinder das Gymnasium würden besuchen können. Defizite durch Herkunft lassen sich ausgleichen, lautet also die Botschaft vom Rhein. Das ist es auch, was die Politik will, wenn sie von Chancengleichheit redet.

"200 Jahre lang hat die Ökonomie die Frage gestellt: Wie produzieren und verteilen wir die Güter? Die neue Frage lautet: Welche Art von Menschen produziert eine Gesellschaft?", sagt Ernst Fehr. Er selbst führt vor, wie Grundschulkinder, die ein simples Training des Zwischenspeichers im Gehirn namens Arbeitsgedächtnis durchlaufen, sich plötzlich mehr merken können, aufmerksamer und selbstbeherrschter sind. Darüber hat er jüngst seiner Zunft, der Wirtschaftswissenschaft, berichtet – in einer programmatischen Rede über "Ökonomie als Wissenschaft der Charakterbildung".

Fehr hat damit viele Kollegen irritiert, bloß Dennis Snower geht er nicht weit genug. Snower, Abkömmling eines Amerikaners und einer Österreicherin, wuchs in Wien auf, studierte Wirtschaft in Oxford und Princeton und wurde später Chef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Noch ein Neoliberaler, fürchteten linke Kritiker, als er 2004 dort antrat und für flexible Arbeitsmärkte warb. Doch in Snowers Innerem tobten Kämpfe, und es wuchs das Gefühl der Reue.

Snower, 66, ist der Feingeist unter den Ökonomen. Schon immer beschäftigte er sich mit seiner emotionalen Seite, schrieb Gedichte, trat als Pianist auf. Mit der Zeit wurde ihm bewusst, dass sein Fach diese Seite ganz außer Acht ließ. Eine erste Irritation erfuhr Snower schon als Nachwuchsforscher in London. Seine britische Braut wollte wissen, was er beruflich so mache. Er erklärte ihr die wirtschaftlichen Modelle, mit denen er die Welt erfassen wolle, und sie antwortete: "Was für ein Quatsch!"

Snower blieb unbeeindruckt und machte mit seinen Modellen Karriere. "20 Jahre brauchte ich, um die Weisheit in ihrem Kommentar zu verstehen", sagt er heute. So viel Zeit vertan zu haben, findet er, sei das Drama seines Berufslebens: "Ich bereue es furchtbar."

Umso radikaler strebt Snower heute danach, das Denken über Wirtschaft zu verändern. Bisher ging es der Ökonomie vor allem um den Einzelnen und dessen angeblich festgefügte Vorlieben und Zielsetzungen. Daran sollte die Politik sich orientieren. "Aber das ist falsch", sagt Snower. Was Menschen antreibe und was sie wollten, entstehe überhaupt erst im Miteinander – in der Wechselwirkung aus innerer Einstellung, Außenwelt und Politik.

Manchmal werden wir demnach von Motiven beherrscht, die kurz darauf schwer vorstellbar erscheinen. Von Angst und Aggression zum Beispiel, wenn wir uns im erbarmungslosen Wettbewerb wähnen. Kaum lässt der Druck aber nach, weitet sich der Blick, und wir nehmen die Umwelt ganz anders wahr. Das Mitgefühl gewinnt die Oberhand.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen reicht es Snower nicht, zu protokollieren, wie Menschen sich nach außen verhalten. Das sei nämlich doppeldeutig: "Ich mache einen Strandspaziergang: wegen der herrlichen Sonne – oder suche ich meinen Ehering? Je nachdem was mich antreibt, wird das, was ich wahrnehme, sehr verschieden sein." Snower sagt: "Die Motivation ist der Grundstein. Sie sagt mehr über das Verhalten aus als das Verhalten selbst."

In den neuen Modellen des Forschers geht es daher anders zu. Die Menschen haben darin sehr unterschiedliche Motive im wirtschaftlichen Handeln. Sie wollen sich um andere kümmern, aber auch etwas für sich gewinnen. Bei Snower ist der Altruismus als Teil unserer selbst mitten im Wirtschaftsdenken verankert. Je nach Person und Lage obsiegt der Konkurrenzgedanke oder das Mitgefühl – power oder care. Der Ansatz heißt deshalb auch "Caring Economics".

Anreiz durch Geld

Caring Economics besagt: Dinge und Dienstleistungen sind zwar wichtig fürs Leben, aber erst Beziehungen geben den Dingen ihren Wert. Wirtschaft dreht sich also nicht nur um die Dynamik des Marktes, sondern auch um die Dynamik einer sich verändernden Gesellschaft – und um die Frage, wie man sie beeinflussen kann.

Das ist nötig, wenn der Kapitalismus die Menschen verbinden und nicht spalten soll. Innovationen wie das Internet treiben die Individualisierung voran und lassen die Gruppen, denen sich der Einzelne zugehörig fühlt, homogener werden. Die altruistische Seite verdorrt. Sosehr der technische Fortschritt den materiellen Wohlstand also anhebt, so sehr raubt er den Menschen ihr soziales Wohlbefinden. Vielleicht erklärt sich so jenes Glücksparadox moderner Gesellschaften, die immer mehr Wohlstand produzieren, während ihre Zufriedenheit den meisten Studien zufolge stagniert.

Wir können dem entgegensteuern, behaupten Snower und Co. – indem wir die Menschen jenen Situationen aussetzen, in denen Erfolg aus Kooperation und gegenseitiger Hilfe entsteht, und die Umfelder, die von reiner Konkurrenz beherrscht sind, zurückdrängen.

Ein Beispiel: Vor etwa zehn Jahren erforschten Ökonomen in israelischen Kindergärten die Motive von Eltern. Dort ernteten Mama und Papa nur bitterböse Blicke, wenn sie ihre Kinder verspätet abholten. Im Experiment wurde dann eine Strafzahlung eingeführt: Wer sein Kind zu spät abholte, musste ordentlich in die Tasche greifen.

Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass es nun zu deutlich weniger Verspätungen kommen würde, denn der Mensch geht nach dem Gelde. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Verspätungen nahmen deutlich zu. Und warum? Weil die Situation früher als soziale Abmachung wahrgenommen worden war, die Eltern schämten sich, wenn sie die Betreuer über die Maßen beanspruchten. Pünktliches Erscheinen war eine Sache des Anstands. Das änderte sich jetzt: Mit dem Geld kam die Möglichkeit ins Spiel, sich die längere Betreuung zu erkaufen. Die Scham wich dem Anspruchsdenken. Aus einer zwischenmenschlichen war eine finanzielle Frage geworden, aus Beziehung wurde Markt.

Es lohnt sich zu fragen: Was wird belohnt? Früher kannten Ökonomen fast nur den Anreiz durch Geld. Das neue Denken öffnet den Blick für neues Handeln: Die Politik kann soziale Situationen beeinflussen, kann Kooperativen schaffen und Umgebungen, in denen man sich für andere einsetzt. Damit verändert sie die Motivlage der Menschen. Und dadurch nimmt sie Einfluss auf deren Verhalten und Wohlbefinden. Wenig ist vorgegeben, viel ist wandelbar.

Die Operation Mitgefühl ist zum gesellschaftlichen Projekt geworden. In ersten Grundschulen versucht man, bei Kindern das Mitfühlen und die Fähigkeit zur friedlichen Konfliktlösung zu stärken. Sie sollen sich selbst besser kennenlernen, indem sie ihre Stimmung regelmäßig auf einem Gefühlsbarometer einordnen. Auch Unternehmer wollen von den neuen Erkenntnissen zu Altruismus profitieren. So erforscht das "Compassion Lab" der Universität Michigan, wie das Mitgefühl in Organisationen gestärkt werden kann. Die Forscher empfehlen die Einrichtung innerbetrieblicher Netze zum Austausch von Sorgen und Tipps – sowie Orte und Gelegenheiten für mehr Miteinander quer durch die Firma. All das funktioniert einfacher, so eine weitere Erkenntnis, wenn die Chefs selbst Bescheidenheit vorleben und offen sind für fremde Standpunkte.

Der ehemalige McKinsey-Berater Frederic Laloux postuliert die "Neuerfindung der Organisation" – gegen die seelenlose, hierarchisch orientierte Firma, in der jeder auf den eigenen Vorteil dringt und sich von anderen abgespalten fühlt. Laloux hat viele Beispiele, wie es anders gehen kann: eine holländische Firma für mobile Krankenpflege, einen französischen Autozulieferer und sogar einen globalen Kraftwerksbetreiber. Gemeinsam ist den Firmen, dass die Mitarbeiter sich in eigenverantwortlichen Gruppen selbst führen und das Gefühl haben, ihr Arbeitgeber nehme ihre berufliche wie persönliche Lage ernst.

Empathie ist nicht immer erfolgreich

Diese neuen Organisationen "hören auf den evolutionären Sinn", sagt Laloux. Sie sollen nicht die Zukunft von oben planen und kontrollieren, sondern sind darauf ausgerichtet, zu verstehen, wohin sich die Organisation mit all ihren Einzelteilen entwickeln und welchem Zweck sie dienen will. Die Weisheit der Masse zählt mehr als die Vision des einzelnen Vorgesetzten. Und weil die Mitarbeiter an unterschiedlichsten Stellen die Atmosphäre der Firma und die Bedürfnisse ihrer Kunden einschätzen, entstehen Entwicklungsmöglichkeiten, die der Vorstand in seinem Topbüro gar nicht erkennen kann.

Die Bewegung nimmt Fahrt auf, aber auch die Opposition wächst. Macht Altruismus wirklich zufrieden?, fragen Kritiker. Ein neues Experiment von Armin Falk und seinem Doktoranden Thomas Graeber scheint dagegenzusprechen. Hier durften Teilnehmer wählen: 100 Euro für mich selbst oder 350 Euro für eine Behandlung von fünf an Tuberkulose erkrankten Personen, die sie dann auch erhielten. Es zeigte sich: Wer weniger für sich selbst nimmt, ist direkt danach besonders zufrieden, drei Wochen später aber unzufrieden. Dahinter tut sich die Frage auf: Wollten die Gütigen nur ihr Image verbessern, oder war das Mitgefühl echt?

Fritz Breithaupt hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Die dunklen Seiten der Empathie. Der deutsche Professor für Wahrnehmung lehrt an der Universität von Indiana im amerikanischen Bloomington. Er bestreitet gar nicht, dass "wir Menschen mehr sind als nur wir selbst". Bloß führe all das Mitfühlen nicht unbedingt dazu, anderen selbstlos zu helfen. Manche nutzten gerade diese Fähigkeit, um sich selbst Vorteile zu verschaffen – bis hin zum Sadisten, der sich besonders ins Leid des Opfers einzufühlen vermag und daraus Nutzen zieht.

Auch wirtschaftlich seien die großen Egos keineswegs im Nachteil. Autoritäre, selbstverliebte Unternehmenschefs hätten in Studien den gleichen Erfolg wie aufopferungsvolle Altruisten, berichtet Fritz Breithaupt. Den Chefs, die sich kümmern, seien die Mitarbeiter zwar treuer, aber die Narzissten könnten sie kurzfristig eher zu Höchstleistungen bewegen.

Das ist eine Warnung in zwei Schritten: Empathie ist nicht immer erfolgreich. Und wenn sie erfolgreich ist, können Menschen durch sie auch ausgebeutet und fremdgesteuert werden. Sogar ein Donald Trump – Inbegriff des Narzissten – kann Menschen für sich einnehmen. Die Empathie seiner Fans zieht er geschickt an und hamstert die Zuneigung, die ihm wichtig ist.

Die Neurowissenschaftlerin Tania Singer kennt die Vorwürfe. "Empathie ist neutral", sagt sie. Ihr geht es aber um andere Fähigkeiten: Güte und Mitgefühl in der Absicht, anderen zu helfen.

Bei dieser Mission folgen ihr erstaunlich viele. Im brasilianischen Rio trafen sich vor fünf Jahren schon Manager, Forscher und NGO-Vertreter zum Global Economic Symposium. Die deutsche Hirnforscherin und der buddhistische Mönch Matthieu Ricard trugen vor, wie der Mensch sein soziales Bewusstsein selbst schneller erweitern könnte, als die Evolution es vermag. Es war ihr Beitrag zum Wettbewerb um die beste Reformidee des Kongresses. Zur Wahl standen außerdem eine andere Klimapolitik, neue Wege zur Geschlechtergleichheit und ein alternatives Finanzsystem. Am Schluss stimmten die versammelten Chefs und Weltveränderer ab – und votierten für Singer und Ricard. Sie waren offenbar überzeugt davon: Um sich zu retten, muss die Welt den Altruismus fördern.

Heute wissen die Forscher mehr, auch über die Probleme des Konzepts. Die einen setzen auf die innere Wandlung, die anderen auf alternative Organisation. "Beides zusammen muss sein", sagt die Hirnforscherin Singer. Sonst kommt es zum inneren Konflikt: Da lehrt die Schule das friedliche Miteinander – und zu Hause werden die Kinder verprügelt. Nicht selten kollidiert auch ein Sozialvisionär an der Firmenspitze mit der Beamtenmentalität seiner Leute: "Da sind schon einige auf die Schnauze gefallen."

Wer die Herzen der Menschen öffnet, muss zugleich die Strukturen ändern. Singer würde am liebsten sofort ein Institut für diese doppelte Herausforderung gründen. Es wäre eine historische Mission in einer Zeit, da sich viele Menschen vor der globalen Verantwortung ins Nationale, ins Populistische flüchten. Eine Lösung sei diese Flucht sowieso nicht, sagt Tania Singer. Die Globalisierung habe vorgelegt. Jetzt müsse das Bewusstsein nachrücken.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio.