Das stützt eine Idee, die westliche Neuroforscher und Tibet-Buddhisten ebenso vereint wie Psychologen und alternative Wirtschaftsexperten. Eine Idee, die angesichts der doppelten Herausforderung durch den Turbo-Kapitalismus und den Turbo-Egomanen Donald Trump an Dringlichkeit gewinnt: Der Markt heizt den Egoismus und das Konkurrenzdenken in uns an, Nationalpopulisten predigen Abschottung und das Gegeneinander der Völker und Volksgruppen. Umfragen belegen fast überall im Westen, dass der Narzissmus in der Bevölkerung wächst.

"Wir können dagegenhalten", versprechen die Kämpfer der neuen Selbstlosigkeit. Wenn die Menschen von klein auf das Mitgefühl kultivieren, wenn Unternehmen und Gesellschaft so organisiert werden, dass der Nette nicht der Angeschmierte ist, dann entsteht eine Gegenbewegung hin zu neuer Solidarität.

Was ist dran an dieser Idee? Lässt sich eine Mitgefühlsrevolution vom Zaun brechen?

Der Markt spricht auf den ersten Blick dagegen. Seine Dynamik weckt Konkurrenz- und Kampfgefühle, das zeigen Experimente. Demnach achten Menschen kaum darauf, welches Leid ihr Handeln anderen bringt, wenn sie sich im Marktgeschehen bewegen. Die meisten wollen gewinnen, Kollateralschäden werden in Kauf genommen. Die anderen werden in den Wettbewerb hineingezogen, weil sie sonst die Verlierer sind. So erfüllt sich die Erwartung selbst, dass im Markt jeder sich selbst der Nächste ist. Und als Wert bleibt das Motto aus dem Filmklassiker Wall Street: "Gier ist gut."

Tatsächlich ist das ein Teil der Wahrheit, aber eben nur ein Teil. Der Kapitalismus schafft dem Menschen nämlich auch den Raum, etwas für die Gemeinschaft zu tun. In Deutschland engagieren sich laut Statistiken der Bundesregierung über 40 Prozent der Bürger ab vierzehn Jahren ehrenamtlich: trainieren Kinderteams im Fußball, teilen an der Armentafel Essen aus oder kämpfen bei Greenpeace fürs Klima. Zur Jahrtausendwende waren es noch gut 30 Prozent.

Arbeitgeber und Demoskopen berichten, dass junge Talente der sogenannten Generation Y, heute zwischen 20 und 40 Jahren alt, wissen wollen: Wo engagiert sich mein Arbeitgeber? Und vor allem: Kann ich mich bei meiner Arbeit auch selbst für die Gesellschaft engagieren? Junge Bundesbürger mit Gründergeist haben die Zahl jener Sozialunternehmen, die mit wirtschaftlichen Mitteln gesellschaftliche Missstände beheben wollen, in einem Jahrzehnt von ein paar Hundert auf mindestens 1.700 emporschnellen lassen.

So einfach ist es also nicht mit dem Bild vom egoistischen Menschen, dem Homo oeconomicus. Die meisten werden in Wirklichkeit von verschiedenen inneren Strömungen hin und her gerissen. Sie sind keine Egomaschinen, können aber auch nicht wie die Ameisen zusammenarbeiten und alles dem Gruppenziel opfern. Ein Widerstreit zwischen Selbstsucht und Mitgefühl macht die menschliche Natur aus, auch in der scheinbar so rationalen Welt der Wirtschaft.

Man kann das an sich selbst im Arbeitsalltag beobachten. Zunächst wollen Menschen vorankommen und dafür sogar andere "schlagen", aber sie wollen auch das Gegenteil: anständig und hilfreich sein. Was sie gerade motiviert, wird nicht bloß im Innern entschieden. Es hängt auch davon ab, ob sie ihrerseits fair behandelt werden. Die Verhaltensforscher unter den Ökonomen bitten die Testpersonen zum Ultimatum-Spiel, um diesem Zwiespalt nachzugehen.